gbs Köln

Das Leben ist der Güter höchstes nicht

Eine zornige Untersuchung: Was wirklich hinter dem Widerstand gegen die Sterbehilfe steckt. Haltet euch aus unserem Leben heraus, ihr Lebensschützer!

Der kühne Freitod von Udo Reiter erinnerte mich in seiner lakonischen Konsequenz an einen berühmten Film, den Schwanengesang eines Stars und eines Genres.

Don Siegels „The Shootist“ ist sicher nicht der größte aller Western, aber der erschütterndste. John Wayne, die reaktionäre, raue und zärtliche alte Kanaille, trat mit diesem Film von der Leinwand ab. Er hätte es besser nicht tun können als in der Rolle eines alten Gunman, der seit Wochen von Unterleibsschmerzen geplagt wird. Der Arzt, den er aufsucht, kann ihm nur hilflos die Diagnose Krebs mitteilen und drückt ihm dann ein Fläschchen Laudanum in die Hand. „Hätte ich“, raunt der Arzt, „Ihren Mut, dann wüsste ich, was ich täte, um den mörderischen Schmerzen und dem Verrecken zu entgehen!“

Schnell spricht sich herum, dass der einst gefürchtete Shootist ein todkranker Mann ist. Die Geier warten schon: jüngere Gunmen versammeln sich in der Stadt und warten auf ihre Chance. Wayne schaut sich ein paar Tage in der herbstlichen Stadt um, macht eine letzte Bekanntschaft mit einer stolzen und klugen Witwe, hilft ihr, ihren Sohn wie ein Vater auf den richtigen Lebensweg zu bringen, trinkt die letzten Schlucke Laudanum, die schließlich nicht mehr helfen und bestellt die lauernden Aasgeier in den Saloon.

Es sei sein Geburtstag, sagt er dem Barkeeper, der ihm den letzten Whisky einschenkt, den wolle er feiern. Und er feiert ihn auf seine Art, erledigt die schießwütigen Rotzlöffel, die seine Nachfolge antreten wollen, nebenbei noch ein paar tolldreiste Gangster und wird selbst tödlich getroffen. Noch einmal hat er als Towntamer die Stadt gerettet und ist dabei auf seine Weise gegangen. Das war sein Tod, der Tod als Gunman, der seine Zeit gehabt hat!

John Wayne selbst hatte nicht das Glück, so zu sterben wie in diesem Film. Einmal schon, in den 60ern, hatte er den Krebs besiegt. Ein Jahr nach „The Shootist“ kam er zurück, der Krebs. Man behandelte den Duke zu Tode, schnitt hier und da was weg und der große starke Mann verreckte zwischen Amputationen und Morphium. „Feo, fuerte y formal“ steht auf Waynes Grabstein – er war stolz, er war stark, er hatte Würde … bei all dem Reaktionären, das seine Filme auch hatten, immer ging es in ihnen um die Würde des Individuums. Darum sei ihm dieses Epitaph gegönnt.

Lustvoll-katholisch Verrecken

In „The Shootist“ tritt kein Gottesheuchler auf, der vom Leben als Geschenk faselt oder dass der Mensch kein Recht habe, seinen Tod selbst zu bestimmen oder gar die Wohlfahrt der Gesellschaft bedenken müsse, wenn er nicht stirbt wie alle anderen. Aber seit Wochen rekeln sich solche Leute in den Talkshowsesseln, beschwören dabei den Untergang des Abendlandes oder fantasieren, pflegeunwillige Angehörige würden zuhauf ihre Kranken zur Selbsttötung drängen. Was lässt sie menetekeln und den Sterbenden das Recht auf einen selbst gewählten Tod absprechen?

Alexander Kissler rückt uns in einem „Cicero“-Beitrag mit den Ladenhütern von jenseitigem Gericht, Gnade und Erlösung auf den Pelz, die man nur erwarten darf, wenn man sich dem Verrecken lustvoll-katholisch hingibt. Nein, mit diesem schleimig-opportunistischen Heranrobben an den Lieben Gott und sein menschengemachtes Jenseits will ich mich gar nicht weiter auseinandersetzen, dazu sind mir diese Kissler’schen Schäbigkeiten zu wenig intelligent. Aber in einem hat er recht, der Kissler: „Mit der Sterbehilfe kehrt die Gottesfrage zurück!“ Oder genauer: die unermüdlich missionierenden Christen drängen sie uns wieder auf.

 

 

weiterlesen:

http://www.theeuropean.de/wolfgang-brosche/9152-sterbehilfe-debatte-lustvoll-katholisch-verrecken

 

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Oktober 24, 2014 - Posted by | Presse |

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