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Merkel und die christlichen Werte » Merkel

2 Kommentare »

  1. Wenn heute christliche Politiker die »christlichen Werte« beschwören, die unser gesamtes politisches Handeln maßgeblich zu bestimmen hätten, dann sind diese nach den Intentionen der Aufklärung zu beurteilen. Und da zeigt sich, dass sie einer kritischen Bewertung nicht standhalten oder sich auf ohnehin weltweit anerkannte Normen beziehen, denen eine spezifisch christliche Grundlegung nicht zuerkannt werden kann. Denn was wird unter den »christlichen Werten« verstanden? Es sind die Anerkennung Gottes als Schöpfer der Welt und des Menschen und zugleich als oberste Moralinstanz, die Zehn Gebote und die wesentlichen Aussagen der Bergpredigt wie Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Barmherzigkeit. Alle diese normstiftenden Prinzipien würden aus der Bibel folgen, deshalb habe dieses Buch als Grundlage allen täglichen, vor allem moralischen Handelns zu gelten.

    Unterziehen wir diese sogenannten christlichen Werte im Lichte der bisherigen Ausführungen einer zusammenfassenden Beurteilung. Erstens: Den christlichen Gottesglauben für alle verbindlich zu machen, ist in einer multi-weltanschaulichen Gesellschaft undemokratisch. Dies ist konkret der Fall, wenn Verbote, wie z. B. zum Schwangerschaftsabbruch, zur Sterbehilfe oder zur Embryonenforschung, mit dem christlichen Menschenbild begründet, aber als Gesetze allgemein verbindlich gemacht werden, also auch für Anders- und Nichtgläubige gelten sollen. Zweitens: Die Zehn Gebote (vgl. 2. Buch Mose) stammen aus archaischer Zeit. Das 1. Gebot verneint die Religionsfreiheit und droht mit Sippenhaft (»bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation«), das 10. Gebot spricht wie selbstverständlich von Sklaven (neuerdings schönfärberisch »Diener« genannt) und stellt Frauen den Sklavinnen und Haustieren gleich, quasi als natürlichen Besitz des Mannes dar, von Gleichberechtigung der Geschlechter ist keine Rede. Die Gebote 5 bis 9 sind selbstverständliche Verhaltensnormen, die weltweit in jeder Gesellschaft Gültigkeit haben, also nicht als typisch christlich gelten können, sie finden sich im Grundsatz schon im Ägyptischen Totenbuch und im Codex Hammurabi des antiken Mesopotamien. Drittens: Auch die Grundaussagen der Bergpredigt entsprechen in weiten Teilen einem weltweit gültigen Ethos. Die gern als spezifisch christlich bezeichnete Barmherzigkeit und Nächstenliebe findet sich durchaus auch in anderen Religionen und entspricht im Übrigen dem, was mit Solidarität bezeichnet wird, ein Prinzip gegenseitig praktizierter, evolutionär entwickelter Mit-menschlichkeit. Viertens: Die in vielen Teilen Gewalt (z.B. Landraub) und Inhumanität (z.B. Sklaverei) rechtfertigende sowie heutige moralische Standards negierende Bibel als Grundlage moralischen Verhaltens zu bezeichnen, zeugt von sträflicher Unkenntnis der Bibel oder ist schlicht unredlich.

    Es gilt vielmehr festzustellen: Die uns heute wichtigen Werte und Normen stammen gerade nicht aus der Bibel, sie sind Ergebnis moralisch-ethischer Weiterentwicklung. Es sind dies die Menschenrechte wie Meinungsfreiheit als geradezu grundlegendes Recht, das Recht auf Selbstbestimmung, Gleichheit und Gleichberechtigung, Religions- und Wissenschaftsfreiheit, Rechtsstaatlich-keit und vieles andere mehr. Nichts davon steht in der Bibel, sie steht einem demokratischen, die Menschenrechte verbürgenden Staat geradezu entgegen. Alle diese Rechte mussten dem Christentum bzw. einer politisch agierenden Kirche in verlustreichen Kämpfen abgetrotzt werden. Die Kriterien, nach denen selbst Christen die Steinigung von Ehebrecherinnen, das Töten von Homosexuellen oder das Kaufen und Halten von Sklaven ablehnen, obwohl diese Gebote bzw. Aufforderungen biblisch legitimiert sind, stammen gerade nicht aus der Bibel, sie sind ein Ergebnis der auf Vernunft gründenden Aufklärung.
    Erinnert sei an die Worte des Theologen F. W. GRAF, wonach noch in den 1950er Jahren in beiden großen Kirchen der Begriff der Menschenrechte kritisch als liberalistische Verirrung aufgefasst wurde (der Theologe Friedrich Wilhelm Graf am 12.10.2010 in der Süddeutschen Zeitung). Dass unsere heutige politische und gesellschaftliche Kultur auf christlichen Werten beruhe, ist also, höflich ausgedrückt: eine Legende, deutlicher formuliert: eine bewusste Irreführung.

    Wir können somit feststellen: Es ist nachweislich falsch, dass eine »nachchristliche« beziehungsweise »nichtchristliche« Gesellschaft ohne verbindliche Werte dastünde. Unsere heutigen grundlegenden und maßgeblichen Werte sind immer noch die, die wir der Aufklärung zu verdanken haben. Die Kirche und die ihr willfährig ergebenen Politiker versuchen, das »Rad der moralischen Geschichte« zurückzudrehen, wenn sie Bibel und christliche Lehre wieder zum alleinigen Maßstab machen wollen. Mit diesem Werte- und Normenkanon lassen sich heutige ethische – beispielsweise bio- und medizinethische – Fragen schon längst nicht mehr problemangemessen beantworten. (Aus: Uwe Lehnert: Warum ich kein Christ sein will, 2012, 5. Auflage. S. 327ff)

    Kommentar von Uwe Lehnert | Februar 17, 2013

  2. Wenn heute (besonders von politischer Seite) die angeblich seligmachende Wirkung des „C“ euphorisch gepriesen wird, dann ist das weniger einer vorhandenen religiösen Überzeugung des jeweiligen Apologeten zu verdanken, sondern der Möglichkeit geschuldet, einer breiten Bevölkerungsmehrheit mit einfachen Worten das Vorhandensein einer moralischen Grundeinstellung zu vermitteln.
    Die Kirchen in Deutschland haben Jahrhunderte dafür gebraucht, positiv besetzte Werte wie Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Ehrlichkeit etc. zu ursupieren und im Verständnis der Bevölkerung untrennbar mit dem (christlichen) Glauben zu verbinden.
    Da kann es nicht verwundern, daß -auf die Vorteile der Religion angesprochen- der durchschnittliche Bürger eben mit genau diesen Werten antwortet und eine religiöse Überzeugung als unverzichtbare Grundlage einer annehmbaren Moral sieht.

    Das kann auch nicht das Problem sein, auf das hier hingewiesen werden soll. Wer die angesprochenen Werte sein Eigen nennt, dem ist in erster Linie zuzugestehen, daß diese Werte natürlich unabhängig von der Grundlage auf der sie (angeblich!) gebildet wurden, für sich alleine sprechen.
    Es kann nicht Aufgabe einer Bundeskanzlerin sein, in Ausübung ihres Amtes mit Missverständnissen aufzuräumen, die ob des blossen Unverständnisses der Wählerschaft einen Aufschrei der Empörung auslösen würden und sie -vermutlich- für viele Menschen unwählbar und für die Parteibasis untragbar machen würde.

    Nach jahrelanger Beschäftigung mit diesem Thema ist mir vollkommen klar, daß die angesprochenen Werte keine Erfindung des Christentums sind, ja das die meisten von ihnen gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen durchgesetzt werden mussten. Mir ist klar daß im Namen der RKK mehr Menschen gefoltert, unterdrückt und abgeschlachtet wurden als durch jede andere Organisation der Weltgeschichte. Mir ist allerdings auch klar geworden, daß all diese Fakten nicht dazu führen ein gesellschaftliches Umdenken herbeizuführen, so lange der Begriff „Moral“ untrennbar mit dem der Religion verbunden wird.
    Und eben aus der scheinbaren Notwendigkeit einer organisierten Religionsgemeinschaft ziehen die Kirchen ihren Nutzen in Form von Macht, Geld und politischer-, wirtschaftlicher- und gesellschaftlicher Einflussnahme. Das können sie, weil sie beizeiten dafür gesorgt hat, daß schon den kleinsten so früh wie möglich beigebracht wird, daß es ohne Jesus keine Liebe gibt und ohne Kirche keinen Jesus.
    So lange dieses Prinzip funktioniert, so lange werden Politiker aller etablierten Parteien in dieses Hohelied der christlichen Werte einstimmen, denn noch armseliger als ein Politiker ohne „Werte“ ist nur ein Politiker ohne Mandat.

    Auch dieser Fisch stinkt am Kopf, doch das kann er nur, wenn der Körper es ihm erlaubt. Mir ist persönlich niemand bekannt, der eine unserer „C-Parteien“ einzig wegen dieses „C“ wählt, mir sind aber eine ganze Menge Menschen bekannt, die mit den Begriffen Humanismus, Ethik oder Philosophie wenig bis gar nichts anzufangen wissen.
    Zweifellos ist es bequemer sich einer vermeintlichen gesellschaftlichen Norm anzuschließen, Aussagen wie die obige unserer Kanzlerin milde Lächelnd abzunicken und sich als guter Mensch zu fühlen, als sich intensiv mit den Grundlagen seiner eigenen moralischen Werte auseinander zu setzen und einen harten, unbequemen und oft schmerzhaften Erkenntnisprozess zu durchlaufen, der es einem ermöglicht
    zwischen Gott, Kirche und moralischen Werten in einer Weise zu unterscheiden, die eine Trennung von den ersten beiden ermöglicht ohne das dritte Schaden nehmen zu lassen.

    Leider bin ich, was unsere Parteienlandschaft anbetrifft, vollkommen desinteressiert und kann deshalb nicht beurteilen ob es sich bei Frau Merkels Aussage um ein persönliches und ernst gemeintes Statement handelt, oder um eine politisch-taktische Aussage.
    So lange aber eine Deutsche Partei die sich offen zum Laizismus bekennt in Deutschland keine Chance auf eine Mehrheit hat, so lange werden wir mit solchen Statements leben müssen. Oder zumindest so lange, bis durch ständige Aufklärung auch dem Letzten endlich klar geworden ist, das es kein „christlich“ braucht um „Werte“ zu haben. Ganz im Gegenteil!

    Kommentar von Uli Prinzen | Februar 25, 2013


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