gbs Köln

Warum der naturalistische Humanismus keine subjektive Weltanschauung ist

von Bernd Vowinkel

 

Aus dem Lager der religiös Gläubigen kommt häufig der Vorwurf, dass der Humanismus auch nichts anderes als Glaube sei und daher bestenfalls als gleichrangig zu den monotheistischen Religionen einzuordnen sei. Für den alten Humanismus mag das sogar mit Einschränkungen zutreffend sein. Für den naturalistischen Humanismus der zuweilen auch als „Neuer Humanismus“ bezeichnet wird, trifft das jedoch nicht zu. Im Gegensatz zu dem althergebrachten Humanismus stützt sich dieser nämlich auf eine rationale, wissenschaftliche Basis. Insofern handelt es sich nicht um eine kulturabhängige Weltanschauung, wie das bei den Religionen der Fall ist, sondern um angewandte, objektive Wissenschaft, die frei von Dogmen ist und offen für neue Erkenntnisse. Daher ist der naturalistische Humanismus eher als objektives Weltbild denn als Weltanschauung zu sehen. Aus ihm lassen sich die ethischen Grundlagen eines modernen Staates ableiten.

 

Ist der naturalistische Fehlschluss noch als Argument zutreffend?

Die Naturwissenschaft ergründet die Phänomene des  Seins. Philosophie und Theologie beschäftigen sich dagegen unter anderem mit dem Sollen und dem höheren Sinn unseres Tuns und unserer Existenz. Dies ist, insbesondere von Seiten der Geisteswissenschaftler, die althergebrachte Lehrmeinung. Ein Verstoss gegen diese gegenseitige Abgrenzung gilt nach David Hume und George Edward Moore als naturalistischer Fehlschluss. „Man kann nicht vom Sein auf das Sollen schließen.“ Damit wäre die Naturwissenschaft nicht in der Lage, Aussagen zu ethischen Grundlagen zu machen.

Die in den letzten Jahrzehnten erzielten gewaltigen Fortschritte der Hirnforschung einerseits und der Kosmologie andererseits haben jedoch zu einem Wandel sowohl des Menschenbildes als auch des Weltbildes geführt. Dinge die früher als intuitiv gesichert galten, wie die Existenz einer Seele, eines freien Willens und eines Schöpfergottes gelten heute als äußerst zweifelhaft. Der Mensch wird in seiner Gesamtheit nunmehr als Teil der Natur gesehen. Das was seinen Geist und sein Ich-Bewusstsein ausmacht, ist auf die Funktionen seines Gehirns zurückzuführen und ist mit naturwissenschaftlichen Methoden erforschbar. Auch sein Wollen und das was er als gut und als böse empfindet, kann zunehmend mit objektiven Methoden nachgewiesen und gemessen werden. Die Ergebnisse der modernen Wissenschaft deuten immer mehr darauf hin, dass der Sinn des menschlichen Lebens auf das irdische Leben im Diesseits beschränkt ist. Einen höheren, in alle Ewigkeit existierenden Sinn scheint es dagegen nicht zu geben.

 

Ethik ohne Religion

Von Religionsvertretern wird häufig behauptet, dass es ohne Religion keine Ethik gäbe. Selbst viele Eltern, die vom Glauben abgefallen sind, lassen ihre Kinder dennoch am Religionsunterricht teilnehmen, weil sie der Meinung sind, dass ihnen nur auf diese Weise Werte vermittelt werden könnten. Diese Einstellung impliziert, dass Nichtgläubige über keine oder aber nur über eine minderwertige Ethik verfügen. Diese Haltung ist nicht nur überheblich, sondern auch restlos falsch, denn eine gottgegebene Ethik bereitet prinzipielle Probleme. Schon Sokrates hat erkannt, dass eine solche Ethik zu einem logischen Dilemma führt: Sind Gottes Gebote deshalb gut, weil Gott sie gebietet? Wenn ja, wäre es dann moralisch gerechtfertigt, Kinder zu beschneiden, zu foltern oder zu ermorden, wenn Gott ein entsprechendes Gebot aufstellte? Christen gehen davon aus, dass sie für ein gottgefälliges, moralisches Leben im Jenseits belohnt werden, indem sie ins Paradies kommen. Wer aber aufgrund von Heilsversprechen Gutes tut, der handelt letztlich aus niedrigen Beweggründen.

Den meisten Vertretern einer ausschließlich religiös fundierten Ethik ist offensichtlich nicht bekannt, dass es eine ganze Reihe von philosophischen Ansätzen für eine Ethik ohne Religion gibt. Angefangen vom Hedonismus der Griechen (Epikur), über das Zeitalter der Aufklärung (Kant, Schopenhauer) bis zum Utilitarismus der Neuzeit (Bentham, Mill). Gerade der moderne Utilitarismus in der Form des Regelutilitarismus (nach Mill) mit Ergänzungen der Fairness und der Gerechtigkeit (nach Lyons) ist der christlichen Ethik nicht nur ebenbürtig, sondern weit überlegen, weil seine Quellen ausschließlich Verstand und Erfahrung sind und weil auf Hokuspokus vollständig verzichtet wird. Eben dadurch steht er aber auch mit seinen Grundlagen jeder religiösen Ethik entgegen.

Gibt es überhaupt objektive, absolute Werte? Sam Harris  beantwortet diese Frage in seinem Buch „The Moral Landscape: How Science Can Determine Human Values“ eindeutig mit ja. Natürlich gibt es eine ganze Reihe von kulturabhängigen Werten, die sich zeitlich auch verändern können, aber nach Harris können wir, zum Teil auch mit wissenschaftlichen Methoden, objektive Werte bestimmen. Die international anerkannten Menschenrechte sind ein Beispiel dafür.

 

Glaube und Wissenschaft

Hier mögen manche behaupten, die Verfechter des naturalistischen Humanismus würden die religiöse Gläubigkeit durch eine Wissenschaftsgläubigkeit ersetzen. Dabei wird in diesem Zusammenhang die Erklärungskraft naturwissenschaftlicher Theorien von Gläubigen häufig in Zweifel gezogen mit der Bemerkung, das sei ja alles nur Theorie. Sie versuchen damit, eine gewisse erkenntnistheoretische Gleichrangigkeit mit ihrem Glauben herzustellen. Der Unterschied ist aber, dass sich wissenschaftliche Erkenntnisse überprüfen lassen, religiöse in der Regel nicht. So macht z.B. die Quantenelektrodynamik Vorhersagen, die eine Präzision von bis zu eins zu einer Milliarde haben. Eine Bestätigung, von der die Theologie nur träumen kann. In den extrem seltenen Fällen in denen Religionen nachprüfbare Aussagen machen, sind sie widerlegt.

Aber ist nicht auch die Theologie eine Wissenschaft? Die Idee, dass es sich bei der Theologie um eine Wissenschaft handelt, stammt von Thomas von Aquin. Er sah im Glaubensbekenntnis die gleiche Rolle wie die der Axiome in der Mathematik. Sein Wissenschaftsanspruch geht auf Aristoteles zurück, der Axiome für so evident hielt, dass sie keiner weiteren Begründung mehr bedürfen. Was hier allerdings meistens übersehen wird, ist die Tatsache, dass die Axiome der Mathematik für alle einsichtig sind, die über ein gewisses Maß an Intelligenz verfügen. Bei den Glaubensgrundsätzen scheint diese Einsicht aber irgendwie ortsabhängig und von der Erziehung abhängig zu sein. Außerdem gibt es einen erheblichen Prozentsatz von gebildeten Leuten, die diese Grundsätze restlos ablehnen, weil sie ihnen völlig unvernünftig erscheinen.

Die heutige Wissenschaftstheorie ist vom Evidenzanspruch der Axiome wieder abgerückt. Sie sieht in den Axiomen bzw. Prämissen Setzungen oder Annahmen über deren absoluten Wahrheitsgehalt keine Aussagen gemacht werden können. Demzufolge werden Erkenntnisse und Theorien der Naturwissenschaft nicht mehr als absolut wahr gesehen, sondern man sieht in den Theorien mehr oder weniger brauchbare modellhafte Beschreibungen der Realität. Genauere Theorien liegen näher an der Wahrheit und sind damit bessere Beschreibungen. Die bisher bekannten Theorien haben darüber hinaus Gültigkeitsgrenzen. Eine „Theorie für Alles“ d.h. eine Theorie ohne Gültigkeitsgrenzen ist im Moment nicht in Sicht, kann aber für die Zukunft auch nicht restlos ausgeschlossen werden.

Der Naturalismus verbietet, bei Erklärungen von Vorgängen der Natur auf mystische Substanzen und Phänomene zurückzugreifen, vielmehr geht es in der Natur mit „rechten Dingen“ zu, d.h. ausnahmslos auf Basis der Naturgesetze. Es gilt hier das Prinzip des ontologischen Sparprogramms, bekannt unter der Bezeichnung „Okhams Rasiermesser“. Dieses Prinzip besagt, dass einfache Erklärungen von Naturphänomenen den komplizierten vorzuziehen sind. Mystische Erklärungen gelten dabei als unbrauchbar, weil sie die Naturvorgänge nicht auf einfache Grundprinzipien reduzieren, sondern sie mit noch komplexeren Dingen versuchen zu erklären. Da es keine Belege für Übernatürliches jedweder Art gibt, kann man nur auf die Nichtexistenz des Übernatürlichen schließen. Der Naturalismus wurde von Anfang an von den monotheistischen Religionen abgelehnt. So verurteilte ihn die katholische Kirche als Irrlehre (z.B. im „Syllabus“ von 1864).

Obwohl die drei Prämissen der Naturwissenschaft: Realismus, Rationalismus und Naturalismus,  keinen Anspruch auf absolute Wahrheit haben, sind sie dennoch für die Naturwissenschaft eine zwingende Voraussetzung und die empirische Erfahrung zeigt, dass sie sich bewähren. So hat sich gezeigt, dass man mit den Erkenntnissen der Naturwissen­schaft und der Mathematik funktionierende Maschinen und Apparate bauen kann und sogar Krankheiten heilen kann. Die für viele Menschen schwer verständlichen, physikalischen Theorien der Quantenmechanik und der Relativitätstheorie werden häufig als esoterische Gedankenspiele von vergeistigten Naturwissenschaftlern angesehen. Dabei wird übersehen, dass etwa ein Drittel unseres Bruttosozialproduktes mit Bauteilen und Geräten erzeugt wird, die mit Hilfe der Quantenmechanik entwickelt wurden. Unsere Navigations­geräte funktionieren nur, weil die Effekte der speziellen und der allgemeinen Relativitätstheorie bei der Positionsberechnung berücksichtigt werden. Wenn es sich bei den Naturwissenschaften lediglich um Mythen handeln würde, wären diese gewaltigen Erfolge wohl kaum möglich.

Insbesondere die Prämisse des Naturalismus steht in eklatantem Widerspruch zu den monotheistischen Religionen. Insofern kann es keine Versöhnung zwischen naturalistischem Humanismus und diesen Religionen geben. Die Grundlage des naturalistischen Humanismus ist Wissen, die der Religionen ist der Glaube. Schopenhauer schreibt zu diesem Thema: „Der religiöse Glaubensakt ist eine Angewöhnung geistiger Grundsätze ohne gute Gründe. Denn gäbe es gute Gründe für die christliche Lehre, dann wüssten wir sie und brauchten sie nicht zu glauben.“

 

 

Weiterführende Artikel des Autors zum Thema:

 

Humanismus statt Religion
https://giordanobrunostiftung.wordpress.com/2009/06/08/humanismus-statt-religion/
Wissenschaft kann moralische Fragen beantworten
http://hpd.de/node/12134
Naturalistischer Humanismus
http://hpd.de/node/6446
Der Utilitarismus als Grundlage einer atheistischen Ethik
http://fowid.de/fileadmin/textarchiv/Vowinkel_Bernd/Utilitarismus_und_Ethik_TA2008_4.pdf
Das Molekül der Nächstenliebe
http://hpd.de/node/12270
 
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September 25, 2012 - Posted by | Eigene Artikel |

2 Kommentare »

  1. Die meisten Menschen werfen IST-Weltanschauung und KANN-/SOLL-Weltanschauung in einen Topf und wundern sich dann, wenn sie angreifbar sind.

    Kommentar von klafuenf | September 25, 2012

  2. Mal wieder eine brilliante Analyse. Vielen Dank.

    Kommentar von Jo | September 26, 2012


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