gbs Köln

„Nein danke, ich bin nicht katholisch…“ Nachbetrachtungen zum GerDiA-Aktionstag in Köln

Isoliert wahrgenommene Begriffe, Wortfetzen, Halbsätze – solcherlei Dinge bergen Gefahren des Miss­ver­stehens, vor allem im öffentlichen Raum ohne vorbehaltslos gegebener Möglich­keit zur Erklärung oder Korrektur. Dies ist ein vielleicht nur kleiner Nebenschauplatz bei den Betrachtungen zum GerDiA-Kampagnen­tag am 8. September 2012, aber doch auch ein für weitere Aktivitäten zu beachtender Faktor bei öffent­licher Präsentation differenzierter Inhalte in Bild und Schrift (auf Plakaten und Bannern, Flyern und Broschüren).

Wie ja schon andere wie z.B. die Berliner gbs-Regionalgruppe zu berichten wusste, so gab es auch bei der von der gbsköln getragenen GerDiA-Aktion am zentral gelegen, wohl „hochfrequentiertesten Platz Kölns“, dem Neumarkt (Eingang zu den Fußgängerzonen), Reaktionen von Passanten zu beobachten, die, wohl nur wenige Reizwörter wahrnehmend, sofort ablehnend reagierten. Die feilgebotenen Flyer zum abendlichen Vortrag von Ingrid Matthäus-Maier mit dem Titel „Katholisch operieren, evangelisch Fenster putzen“ bewirkten dies beispielhaft.

Das Wort „Katholisch“ reichte bisweilen aus, um sich dem weiteren Inhalt gar nicht zuwenden zu wollen: „Nein danke, ich bin nicht katholisch…“ war so eine Reaktion, die zwar einen gewissen Interpretations­spielraum offen lässt, aber dennoch zwei Möglichkeiten nahelegt. Entweder man hielt uns für eine religiöse (katholische) Anliegen vertretende Gruppe, oder man wollte sich mit solcherlei Fragen überhaupt nicht behelligt sehen, egal von welcher Seite.

Sicherlich mag auch manche kommentarlose Ablehnung einer Entgegennahme von kostenlos angebotenen Materialien diesem Missverständnis geschuldet sein. Eine strategische Änderung beim Verteilen, die den allgemeinen Flyer (mit Lea, ihrem Freund und Apfel) an oberer sichtbarer Stelle platzierte, hatte aber – wenn auch nicht wissenschaftlich fundiert belegbar – nach Aussagen mancher Verteiler eine erheblich bessere Akzeptanz zur Folge. Dies ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, wie maßgeblich der erste Eindruck ist. Und wenn man als Mensch mit skeptischer Grundhaltung Begriffe wie „Religiöse…, katholisch…, evangelisch…, kirchlich…, …Glauben, Gott…“ sieht und gerade nicht bereit ist weiter zu lesen – man wird ja ungefragt und womöglich in Eile damit konfrontiert – wendet man sich eventuell übereilt ab, obwohl bei näherer Betrachtung ein Interesse für die Sache durchaus vorhanden gewesen wäre.

Sicherlich kann man es nicht allen recht machen, und nicht jede Eventualität kann berücksichtigt werden. Auch muss vermutlich beachtet werden, dass das öffentliche Auftreten von skeptischen, religionsfreien Menschen mit Stand, Sonnenschirm und langem Infotisch eher untypisch ist, und es der allgemeinen Erfahrung viel mehr entspricht, Religionsvertreter hinter solcherlei Aktivitäten zu vermuten, zumal, wenn gewisse Reizwörter (s.o.) auf den ersten Blick hin erkennbar sind. Umso mehr also sollten Form und Formulierung bei der Darstellung bedacht sein.

Zugegeben, die Betrachtungen sind nicht neu, aber sie sollten noch einmal zwei grundsätzliche Erwägungen in Erinnerung rufen:

Erstens, wie gesagt, die Frage nach der Art der Präsentation, dem Ausbalancieren zwischen situativer Wirkung und substanzieller Aussage, ohne fragwürdige Kompromisse eingehen zu wollen,

und zweitens das Abheben auf das „Positive“ hin, um das „Was wollen wir bewirken“ in den Vordergrund zu stellen, auch wenn das Religionskritische und Kirchenkritische akut nötig ist bearbeitet zu werden und dies hier keineswegs in Zweifel gezogen werden soll, aber auch keinen Widerspruch zum vorher Gesagten darstellt: Religionskritik und Kirchenkritik sind sozusagen ein „Abfallprodukt“ einer aufgeklärten Beschäftigung mit Wissenschaft, Philosophie und Kunst.

Eine rundum gelungene Aktion

Nachdem an dieser Stelle etwas Wasser in den (Mess-)Wein gegossen wurde, ist aber, um keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen, folgendes festzuhalten:

Wir von der gbsköln haben umfangreich Material unter das Volk bringen können, viele Gespräche geführt, wobei natürlich der Bekanntheitsgrad von Ingrid Matthäus-Maier sehr hilfreich war. Nur kurz erwähnt sei auch ein Fernsehteam einer prominenten Sendeanstalt, das aber nicht genannt oder auf Bildern gezeigt werden möchte, bis alles unter Dach und Fach ist. (Daher also kein weiterer Kommentar dazu, um die Sache nicht zu gefährden!) Aber deren Auftreten allein hat natürlich schon Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Und viele Menschen sind natürlich auch stehen geblieben, weil sie weiter gelesen haben, und nicht beim ersten missverstandenen Schlagwort das Weite gesucht haben. Dies zeigt, wie schwierig ein Ausbalancieren der Wirkung ist. Einen „Doppeltblindversuch“ einzurichten war leider nicht möglich. Menschen, die keine Lust oder Zeit hatten, oder die ganz offensichtlich nichts mit uns zu tun haben wollten, gab es selbstverständlich nicht zu knapp…

Und so manche, die sich z.B. auf inhaltliche Gespräche über die Probleme des kirchlichen Arbeitsrechts eingelassen hatten und auch selber betroffen sind, wollten aber nicht abgelichtet werden; sie haben zu Recht Sorge um ihren Arbeitsplatz. Und dass vielen Passanten der Umfang der Problematik gar nicht bekannt war, spricht für die Wichtigkeit der Aktion und natürlich auch dafür, diese nur als einen Anfang zu sehen und (auch) dieses Feld weiter zu beackern. Die rundum positive Erfahrung sollte verstanden werden als eine Aufforderung, weitere aufklärerische Aktionen zu starten.

Eine lange Liste von Interessenten, die Namen und ihre Emailadresse zum Erhalt weiterer Informationen hinterlassen haben, und auch immer mal wieder Begegnungen mit Menschen, denen die Stiftung durchaus ein Begriff ist, die aber selbst noch nicht den rechten Ansporn gefunden haben, sich weitergehend zu informieren oder gar zu engagieren, runden die Straßenaktion bei herrlichem Wetter ab und lassen alle Beteiligten mit dem Eindruck einer rundum gelungenen Aktion zurück.

Der Tag wurde komplettiert durch den Vortrag von Ingrid Matthäus-Maier im Bürgerzentrum Nippes über das Thema Katholisch operieren – evangelisch Fenster putzen. Das kirchliche Arbeitsrecht verstößt gegen das Grundgesetz, die Charta der Grundrechte der EU und  die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“, der hpd berichtete bereits. Dem kenntnisreichen Vortrag in gewohnt souveräner Vortragsweise, gespickt  mit vielen erhellenden Detailaspekten, schloss sich eine interessante Diskussion an. Dieser Veranstaltung hätte man gern einen wesentlich größeren Zuspruch gewünscht, allein das wunderbare Wetter, so bleibt zu vermuten, wie auch das heikle Thema, bei dem diejenigen, die einen kirchlichen Arbeitsplatz haben, selbigen nicht gefährden, wie auch die, die einen solchen noch begehren, dieses Vorhaben nicht unterminieren wollen, hielten weitere Teilnehmer möglicher Weise von einem Besuch ab.

An diesem Abend blieben aber auch wieder die Presseplätze leer, obwohl in umfangreicher Weise Pressemitteilungen an hiesige Institutionen wie auch persönlich an eine ganze Reihe derer Vertreter verschickt wurden. Bleibt zu hoffen auf die Zeit, zu der auch noch so große Ignoranz an derlei Veranstaltungen nicht mehr vorbei gehen kann, da eine wachsende Zahl von Menschen mit den Zuständen nicht mehr einverstanden sind. Dies muss sich dann allerdings auch in der Präsenz vor Ort niederschlagen. Da die hiesige Presse aber mauert, beißt sich das Ganze in den Schwanz. Bleibt ein beharrliches „Dicke Bretter Bohren“ mit „brennender Geduld“.

Burkhard Wepner

Für diejenigen, die am Aktionstag nicht teilnehmen konnten und zu „Dokumentationszwecken“ hier noch ein paar Fotos.

 

September 15, 2012 - Posted by | Aktionen, Aktuell, Eigene Artikel |

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