gbs Köln

Gedanken zur Papstrede im Bundestag

Anstelle einer Rede über aktuelle gesellschaftspolitische Probleme, geriet die Papstrede eher zu einer rechtsphilosophischen Vorlesung über die Grundlagen des Rechts. Von vielen Kommentatoren wurde die Rede als weiteren Beweis für enorme Intelligenz des Papstes gefeiert. Abgesehen von seiner sicherlich vorhandenen Sprachbegabung, kann man das allerdings auch ganz anders sehen. In unserem Land gilt in der Öffentlichkeit häufig schon dann jemand als besonders intelligent, wenn er mindestens drei griechische Philosophen aufzählen kann. Wer aber beim intensiven Studium der Theologie nicht zum Atheisten oder zumindest zum Agnostiker wird, bei dem sind Zweifel an seiner Urteilskraft durchaus angebracht, denn abgesehen von der Geschichte und dem gesellschaftlichen Einfluss der Religionen, handelt es sich bei der Theologie um nichts anderes als hochkultiviertes, irrationales Wunschdenken.

Als Quelle des Rechts sieht der Papst sowohl die Vernunft als auch die Natur. Nach seiner Meinung gibt es absolute Wahrheiten in Bezug die Grundlagen des Rechts jenseits von Nützlichkeitsbetrachtungen. Jeder Mensch ist in der Lage, über sein Gewissen zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Der Mensch ist nicht nur Geist und Wille sondern auch Natur. Hinter dem Gewissen und der Natur steht das Wirken Gottes. „Das Christentum hat auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver Vernunft und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt.“ Das Problem bei diesen Rechtsquellen ist, dass mit dem Rückgriff der subjektiven Vernunft auf göttliche Quellen jedes Handeln gerechtfertigt werden kann. Die Attentäter vom 11.September 2001 waren keine böse, sondern tiefgläubige Menschen. Sie glaubten, etwas Edles für ihre Glaubensgemeinschaft und für ihr eigenes Leben im Jenseits zu tun. Der Virus des religiösen Glaubens kann offensichtlich aus Menschen Zombies machen.

Das was der Papst überheblich als die Überlegenheit des Christentum über die anderen Religionen sieht, nämlich die Zwischenschaltung der menschlichen Vernunft, scheint aber nicht übermäßig gut zu funktionieren, denn wie sollte man sich sonst die abstruse Sexualmoral des Vatikans erklären?  Die Grundlage seiner Rechtsphilosophie ist, dass die Wissenschaft und hier insbesondere die Naturwissenschaft nur das Sein beschreiben kann, aber grundsätzlich nicht in der Lage ist, Aussagen über das Sollen zu machen. So sagte er „zwischen dem Sein und dem Sollen besteht ein unüberbrückbarer Graben“. Diese Denkweise hat eine große Tradition in der Philosophie und auch heute noch teilt ein erheblicher Teil der Philosophen diese Position. Man ist sich weitgehend einig, dass man Werte nicht objektiv mit wissenschaftlichen Methoden ergründen kann.

Die moderne Hirnforschung führt aber allmählich zu einem Umdenken. Hier geht man in der Regel davon aus, dass alles, was im Gehirn geschieht, Folge von neuronalen Zuständen und Vorgängen ist. Diese wiederum lassen sich mit naturwissenschaftlichen Methoden erforschen. Mit Hilfe von Großrechenanlagen lassen sich immer größere Teile von biologischen Hirnen simulieren. Wir können mittlerweile messen und objektiv feststellen, wie sich ein Mensch fühlt, ob es ihm gut geht, oder ob er leidet und in welche Richtung seine Wünsche gehen. Vor wenigen Tagen kam die  Meldung , dass es sogar einem Forscherteam an der University of California in Berkeley gelungen ist, Filme aus Gedanken zu rekonstruieren. Es zeigt sich immer mehr, dass subjektive Dinge, die im Gehirn eines Menschen ablaufen, durchaus objektiviert werden können. Es ist zu erwarten, dass das irgendwann auch einmal für das Gewissen möglich sein wird.

In seinem neuen allgemeinverständlichen Buch „Der große Entwurf“ behauptet der berühmte Physiker Stephen Hawking „die Philosophie ist tot“. Das ist sicherlich stark übertrieben. Man kann die Philosophie in die Bereiche Logik, Ethik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie sowie Metaphysik aufteilen. Schränkt man die Aussage Hawkins auf die Metaphysik ein, so ist da sicher etwas Wahres dran, denn die Metaphysik kann bestenfalls Hypothesen über die Wirklichkeit aufstellen. Ohne wissenschaftliche Verifikation sind diese aber völlig wertlos. Besonders treffend ist diesbezüglich den Spruch von Jerry A. Fodor, (aus „RePresentations“):

Manche Philosophen sehen Philosophie als das an, was man mit einem Problem macht bevor es klar genug ist,  um es mit Wissenschaft  lösen zu können.

Wir sind dabei, in ein Zeitalter einzutreten, in dem das Problem menschlichen Verhaltens klar genug ist, um es vollständig mit wissenschaftlichen Methoden anzugehen. In seinem Buch „The Moral Landscape, how Science can determine human Values“ schreibt Sam Harris:

Once we see that a concern for well-being is the only intelligible basis for morality and values, we will see that there must be a science of morality, whether or not we ever succeed in developing it: because the well-being of conscious creatures depends upon how the universe is, altogether.

An anderer Stelle vertritt er die Meinung, dass aus Sicht der Neurobiologie die Unterscheidung zwischen Fakten und Werten nicht aufrecht erhalten werden kann. In der Tat treten bei einem Weltbild, das auf dem Stand der Zeit ist, anstelle von Transzendenz und Glaube immer häufiger objektive wissenschaftliche Ergebnisse. Dabei zeigt sich, dass Begriffe wie das Gute, das Böse, der freie Wille und die Menschenwürde Erfindungen von Theologie und Philosophie sind, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Anstelle von Gut und Böse tritt Wohl und Wehe. Der absolute freie Wille wird durch die so genannte Handlungsfreiheit ersetzt und die Menschenwürde kann man durch die Autonomie des Menschen ersetzen.

Wir können durchaus mit wissenschaftlichen Methoden objektive Werte für bewusst denkende Wesen herausfinden. Grundlagen einer objektiven Ethik liegen in der evolutionären Psychologie, der Hirnforschung und dem pragmatischen Abwägen unserer Handlungen in Bezug auf das Glück und das Leid, das sie für den Einzelnen und die Gesellschaft verursachen. So ist z.B. die rituelle Genitalverstümmelung ein absoluter, objektiver Unwert, unabhängig von ihrer religiösen oder kulturellen Begründung und Bedeutung.

Letztlich bilden sogar die Erkenntnisse der Astrophysik die Grundlage für die Behandlung der Frage nach dem Sinn des Lebens. In einer Welt, in der jedwede Zivilisation prinzipiellen zeitlichen Grenzen unterliegt, ist ein unbegrenzter höherer Sinn bewussten Lebens ausgeschlossen. Das Jenseits und das ewige Leben finden nur in den Köpfen Gläubiger statt. Einen Sinn des Lebens können wir nur im Diesseits finden, aber er ist auf jeden Fall auf die Dauer unserer Zivilisation zeitlich begrenzt.

Die katholische Kirche wird den Ergebnissen moderner Wissenschaft irgendwann Rechnung tragen müssen, sonst wird sich ihre Anhängerschaft zwangsläufig immer mehr auf ignorante, bildungsferne Kreise einengen. Ein Effekt, der schon jetzt zu beobachten ist.

Bernd Vowinkel

September 25, 2011 - Posted by | Eigene Artikel |

3 Kommentare »

  1. Ach Herr Vorwinkel. Ein paar diskussionwürdige Einwürfe, versinkend in Vorbehalten, Abwertungen und Verkürzungen der kirchlichen Lehre. Schade.

    Kommentar von O. L. | September 26, 2011

  2. @O. L.: Ich hoffe Ihr Fehler bei der Wiedergabe des Autorennamens spiegelt nicht Ihre allgemeine Genauigkeit beim Lesen des Artikel wider.

    Kommentar von G. I. | September 29, 2011

  3. Ach Herr Vowinkel, vielen Dank für Ihren Artikel! Ich kann Ihren Ausführungen nur zustimmen und bin froh, dass es in Deutschland noch hin und wieder gelingt, gesellschaftlich unangenehme Wahrheiten auszusprechen, bzw in diesem Fall aufzuschreiben. Wenn jemand ernsthaft die in Ihrem Text enthaltenen Argumente als Vorbehalte, Abwertungen und Verkürzungen des Quellentextes abtut (und dabei vertritt O.L. wahrscheinlich eine Mehrheit), dann offenbart das ein gefährliches Krankheitssymptom unserer Gesellschaft, nämlich die Unfähigkeit, Wahrheit und soziale Erwünschtheit voneinander zu trennen. Build up that wall!

    Kommentar von V.E. | Dezember 6, 2011


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