gbs Köln

Michael Schmidt-Salomon und Elke Held melden ihren gemeinsamen Sohn vom Ethikunterricht ab

Im aktuellen Newsletter der gbs weisen Elke Held und Michael Schmidt-Salomon darauf hin, dass sie ihren gemeinsamen Sohn vom Ethikunterricht abgemeldet haben, weil dieser ein getarnter Religionsunterricht ist. Hier der Brief an die Schulleitung:

Sehr geehrte Frau XXXXXXX,
nach reiflicher Überlegung melden wir hiermit unseren Sohn XXXXXXXX
mit sofortiger Wirkung vom Ethikunterricht ab. (Selbstverständlich soll er
auch nicht „ersatzweise“ einen Religionsunterricht besuchen müssen!)
Anlass für unsere Entscheidung war der sogenannte „Ethiktest“, der
kürzlich in der 3. Klasse geschrieben wurde und ausschließlich
pseudoempirische Fragen zu katholischen Legendengestalten, nämlich
„Sankt Nikolaus“ und „Sankt Martin“, enthielt. (Wir hatten unserem Sohn
gesagt, dass er derartig unnützes Wissen nicht lernen müsse, worauf er
erstmalig ein „Mangelhaft“ mit nach Hause brachte!). Aufgeschreckt durch
diesen vermeintlichen „Ethiktest“ schauten wir uns die Unterlagen, die im
„Ethikunterricht“ verwendet wurden, noch einmal etwas genauer an. Dabei
mussten wir feststellen, dass diese Unterlagen fast ausschließlich
Materialien des katholischen Religionsunterrichts enthielten! Als Beispiel für
die Machart dieser Unterlagen zitieren wir nur eines der vielen, kreativen
Wortergänzungsspiele, mit denen unser Sohn – im Ethikunterricht! –
konfrontiert wurde: „Jesus sagte: ‚Ich bin der gute Hirte! Ich gebe mein
Leben für meine Schafe.’ (…) Überlegt gemeinsam, welche Aufgaben der
Bischof in der heutigen Zeit in seinem Hirtenamt haben könnte. (…) Der
Hirte beschützt seine Schafe. Der Bischof… (…) Er ist ein guter und treuer
Hirte. Der Bischof… (…) Der Hirte liebt seine Schafe. Der Bischof… (…)“
Mit den Anforderungen an einen vernünftigen, säkularen Ethikunterricht
lassen sich solche subtilen und auch weniger subtilen Formen der
weltanschaulichen Manipulation von Kindern nicht vereinbaren! Da wir mit
der Grundschule XXXXXXXX und ihren engagierten Lehrern insgesamt sehr
zufrieden sind, haben wir in den vergangenen Jahren immer wieder ein
Auge zugedrückt, sowohl in Bezug auf den „Ethikunterricht“ als auch in
Hinblick auf die leider oft vernachlässigte „weltanschauliche Neutralität“
dieser öffentlichen (!) Schule (wir erinnern hier nur an die letzten
Weihnachtsgrüße, die frommer kaum hätten ausfallen können!). Mit dem
oben angesprochenen Ethiktest ist für uns nun aber ein Punkt erreicht, an
dem wir nur unter partieller Preisgabe unserer intellektuellen Redlichkeit
weiterhin schweigen können.

In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass wir beide maßgebliche Funktionen
innerhalb einer Stiftung wahrnehmen (Vorstandssprecher bzw. Leiterin der Presseabteilung
der Giordano Bruno Stiftung), die als „Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung“ weithin
bekannt ist. Unlängst formulierten wir gemeinsam mit den weiteren Mitgliedern des
Stiftungsvorstands einen „Offenen Brief an den Bundespräsidenten“, in dem wir die
allgegenwärtige weltanschauliche Manipulation in den deutschen Schulen scharf kritisierten
und vorschlugen, den Schülerinnen und Schülern zunächst ein solides Grundwissen zu
vermitteln, bevor fragwürdige weltanschauliche Inhalte an sie heran getragen werden. Es
war bloß Zufall, dass unser Sohn ausgerechnet an dem Tag, an dem unser „Offener Brief an
den Bundespräsidenten“ medial kommuniziert wurde, mit dem fragwürdigen „Ethiktest“
nachhause kam. Doch diese seltsame Koinzidenz führte uns in sehr drastischer Weise vor
Augen, in welch schizophrener Lage wir uns als Eltern und Autoren befinden: Kann man
einerseits die weltanschauliche Manipulation von Schülerinnen und Schülern wortreich
beklagen und zugleich beide Augen zudrücken, wenn eben das im Falle des eigenen Kindes
geschieht?
Bitte verstehen Sie uns nicht falsch! Wir unterstellen weder Ihnen als Schulleiterin noch der
Ethiklehrerin noch irgendeinem anderen Lehrer der Schule irgendwelche unlauteren
Absichten. Wir wissen sehr wohl, dass Sie und Ihre Kollegen nur das Beste für die Kinder
wollen und dass Sie hier vor Ort nur etwas praktizieren, was an nahezu allen Schulen des
Landes in vergleichbarer Weise stattfindet. Doch wie soll sich an diesem (unserer Meinung
nach unhaltbaren!) Zustand je etwas ändern, wenn man als betroffene Eltern des lieben
Frieden willens permanent die Augen verschließt?

weiterlesen im Originalartikel

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Januar 24, 2010 - Posted by | Eigene Artikel |

3 Kommentare »

  1. Kennen die LehrerInnen überhaupt den Unterschied zwischen einem säkularen Ethikunterricht und Religionsunterricht? Ich bezweifel dies. Bei der Einschulung unserer Kinder in die Grundschule fragten wir die Schulleiterin nach dem Religionsunterricht. Wir wollten wissen, ob dieser eine sachliche Auseinandersetzung mit den verschiedenen Religionen beinhaltet oder ob die Kinder dort missioniert würden, was wir nicht wollten. Ihre Antwort: Nein, natürlich werden die Kinder nicht missioniert. Es geht nur darum, dass Gott der Schöpfer ist und Jesus für unsere Sünden gestorben ist etc. etc. … Diese Frau hat noch nicht einmal gemerkt, dass ihre Schüler missioniert werden. Dass ihnen Glaubensinhalte als Tatsachen vermittelt werden.

    Kommentar von pugliese | Januar 24, 2010

  2. Wäre doch jeder so konsequent.

    Kommentar von Hannes | Februar 5, 2010

  3. Gratuliere! – Vielen Dank für den interessanten Artikel.

    Für mich war das Hinterfragen, Erkennen und „Durchbrechen“ angelernter Verhaltensmuster und das Erlernen einer neutralen Betrachtungsweise, eigenständigen Denkens und selbstverantwortlichen Entscheidens während der Erziehung meiner Kinder, die bis anhin grösste Herausforderung meines Lebens.

    Vieles, so erkenne ich heute, würde ich auf dieselbe Weise und auf keinen Fall mehr in derselben Weise handhaben, was mich dazu veranlasst, mich zu jenen Menschen zu zählen, die dem evolutiven Wachsen und Werden zugetan sind und im Begriffe sind, das menschliche Fehlerbegehen (auch wenn’s immer noch ab und an und manchmal bitter schmeckt) peu à peu als unumgänglichen Bestandteil des Lebensprozesses zu akzeptieren und willkommen zu heissen – um daraus wiederum das Beste zu kreieren.

    Vielen Dank für die vielen klaren, tiefgreifenden Worte, die von dir, Michael, da und dort und so hoffe ich, immerfort zu lesen und zu hören sind.

    Herzlichst

    Edith

    Kommentar von edith schuler | Juli 10, 2010


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