gbs Köln

Meisner – Hescheler

Kardinal Meisner

Meisner

Eine Replik an den Kölner Stadt-Anzeiger

Am anderen Ufer des Rheins
Zu den jüngsten Äußerungen Kardinal Meisners und eines seiner lauen Kritiker
(Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger vom 02.11.2009)

von Burkhard Wepner

Der Rhein führt zu unterschiedlichen Zeiten witterungsbedingt mal Niedrigwasser, mal Hochwasser. Auch in Köln. Wenn man aber den Wasserstand des Flusses als Metapher für sachliche Kompetenz, intellektuelle Redlichkeit und argumentative Lauterkeit heranzuziehen wagt, so müssten wohl immer dann, wenn sich Kardinal Meisner zu Wort meldet, sämtliche Schiffe vor Köln auf Grund laufen, so flach wäre das Gewässer in solchen Zeiten. Allerdings weiß man auch, dass bei extremem Niedrig­wasser die Konzentration an Giftstoffen besonders hoch ist.
Nun mag dies ein gar trefflich Bild sein – allein „Vater Rhein“ kümmerts nicht, er fließt so, „wie er will“. Auch dem hiesigen Kirchenoberen kommt nicht die Bedeutung zu, auf Grund derer die Naturgesetze vorübergehend außer Kraft gesetzt werden müssten. Das soll ja schon einmal anders gewesen sein, sagt man, angeblich!

Zu Kardinal Meisners Einlassungen, zu seinen Verdrehungen, Entstellungen und Unterstellungen, nicht zuletzt auch zu seinem Argumentationsstil der Geschichts­klitterung, welche aus Unkenntnis oder Ignoranz oder aus beidem gespeist zu sein scheint, ist bereits vieles gesagt worden; allein notwendig mag eine Reaktion überhaupt nur auf Grund des hohen Konzentrats an „Giftstoffen“ sein, die allerdings nur ein grelles Licht auf den Erzeuger zurückwerfen. Ansonsten sollte man das Ganze eher mit Humor nehmen, denn man könnte schon fast meinen, dass vielleicht doch ein statisches Weltbild ins Wanken geraten ist, so man die Intensität des Polterns zum Maßstab nimmt.
In diesem Zusammenhang sei nebenbei bemerkt, dass die Aussage des Kölner Stadt-Anzeigers, Kardinal Meisner würde, wie auch in diesem Fall geschehen, immer wieder gern auf Vergleiche mit dem Nationalsozialismus zurückgreifen, durchaus bekannt und zutreffend ist; jedoch in dem Fall der „entarteten Kunst“ verhält es sich etwas anders. Denn hier vergleicht Meisner nicht das vom ihm kritisierte Gegenüber mit der Naziideologie, nein, hier begibt er sich selbst in gefährliche Nähe.

Eher diskutierenswert ist die Reaktion des Stammzellenforschers Jürgen Hescheler, welche in Auszügen im Kölner Stadt-Anzeiger vom 02.11.2009 zitiert wird. Hescheler bezeichnet sich selbst als Wissenschaftler und praktizierenden Katholiken. Da wird man hellhörig und hofft auf Antworten zu der Frage, wie dies denn zusammengeht. Zwar äußert sich Hescheler diesbezüglich nicht, sondern geht lediglich mit „erheblicher Kritik“ (so der Stadt-Anzeiger) auf Kardinal Meisners Ausführungen ein. Jedoch vermeidet er dabei jedes inhaltliche Argument und verbleibt stattdessen ausschließlich im Bereich des Atmosphärischen. Letzteres ist (zumindest aus seiner Sicht) in Teilen auch richtig und wichtig, greift aber bedauerlicher Weise viel zu kurz. Dennoch sprechen ungewollt des Wissenschaftlers Worte Bände und geben eine Ahnung von dem, was wohl doch Antworten auf die obige Frage erahnen lässt, nämlich wie denn Wissenschaft und praktizierter Katholizismus zusammenzugehen vermag, oder eben nicht.

Juergen_Hescheler

Jürgen Hescheler

„Wir versuchen alle, dass Wissenschaft und Kirche wieder näher zusammenkommen.“
Wer, bitte schön, ist „wir“? Und wieso gar „alle“? Warum nun „Wissenschaft“ ausgerechnet mit „Kirche zusammenkommen“ soll, und nicht zunächst einmal mit Religion (auch wenn dies hier nicht als ein Plädoyer für eine zwingende Notwendigkeit dafür verstanden werden sollte), erschließt sich nicht.

Und weiter: „Es darf nicht sein, dass solch ein tiefer Graben zwischen den wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Theologie bestehen bleibt, beide Seiten sollten zusammengebracht werden.“
Warum „darf“ es nicht sein? Vielleicht nur, weil man den Konflikt persönlich nicht ertragen kann und nicht bereit ist, die vielleicht notwendigen Konsequenzen zu ziehen? Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren – und man will es ja nur ungern unterstellen – dass hier vermutlich eine partielle Unfähigkeit eingestanden wird, sich von einmal lieb gewonnenen Verhaltensmustern und Riten und von manch anderem auf dieser Schiene der institutionalisierten Illusionen zu trennen, ebenso frühkindliche Indoktrination zu überwinden, ein über lange Zeit erlittenes einseitiges „memetisches Bombardement“ zu relativieren, und dass die Angst vor Verlust dieser „Pseudowärme“ eines fragwürdigen sozialen Kitts (und gar manches mehr) der Hintergrund für ein in „fromme Worte“ gefassten Wunschdenkens zu sein scheint ohne erkennbare inhaltliche Substanz. Zumindest an dieser Stelle. Dass ein Wissenschaftler auch anders kann, davon gehe ich aus! Er darf sich somit aber über diese deutlichen Worte nicht wundern.
„Es darf nicht sein, dass…“!

Weiter wird zitiert: „Die Erkenntnisse aus der modernen Molekularbiologie und Genetik müssen mit unserem modernen Menschenbild, aber auch mit dem der Kirche in Einklang gebracht werden.“
Schon der erste Halbsatz ist nicht ganz unproblematisch formuliert, aber die zweite Hälfte betreffend kann ich nur fragen: „Müssen“? Man kann es selbstredend (allenfalls) versuchen, und wenn es nicht passt, dann geht es halt nicht, dann wende man sich bitte wichtigeren Aufgaben zu, denn es gibt so viel substantiell Wertvolles und Bedeutsames auch im kleinen zu tun, und sei es auch „nur“, einer alten Dame über die Straße zu helfen! Denn die Diskussion über die bedeutungsvollen und verantwortlich zukunftsweisenden Fragen wissenschaftlich-philosophischer und ethischer Natur, wie es sich z.B. auch der „Evolutionäre Humanismus“ zur Aufgabe gemacht hat, spielt sich schon seit geraumer Zeit auf einer ganz anderen Klaviatur ab; und zwar auf einer, zu der sich die christliche Apologetik erst einmal ganz neue „Fingersätze“ ausdenken müsste, um mitspielen zu können, ohne ständig an den schwarzen(!) Tasten hängen zu bleiben und die so entstandenen Misstöne als „Glaubenswahrheit“ verkaufen zu müssen.

Und ein letztes Zitat sei noch erlaubt: „Wenn Wissenschaft und Kirche zusammenkommen sollen, muss das von beiden Seiten ausgehen.“
Sicherlich ist das zunächst als eine freundliche Ermahnung an den Kardinal zu werten, aber bitte, so steht es in der Zeitung, und so (anders) wird es möglicherweise verstanden, nämlich wörtlich: Nicht nur die Kirche soll sich bewegen, nein, (auch) die Wissenschaft soll nach Meinung Heschelers auf die Kirche zugehen…?!
Wie bitte ist dies zu verstehen? Soll also ein in Dogmen gegossenes Wunschdenken aus der Vorstellungswelt einer Wüstensekte mit skurrilen Macht- und Abhängigkeitsstrukturen, deren Auswirkungen außerdem eine furchtbare Blutspur durch die Geschichte der Menschheit gezogen hat, soll also die steinerne Manifestation (Kirche) dieses ethisch weitgehend untauglichen Weltbildes mit seiner Schamanenkaste, die sich im Besitz „ewiger Wahrheit“ wähnt, soll dies alles also ernsthaft ein Ort sein, zu dem hin sich verantwortungsvolles und vorurteilsfreies Denken (um das natürlich immer wieder neu gerungen werden muss) und Suchen nach wissenschaftlicher Erkenntnis bewegen sollte?
Ich höre schon den Aufschrei der Empörung der so genannten „aufgeklärten“ Christen, dass dies alles mit ihrem modernen Verständnis vom Christentum nichts mehr zu tun habe. Wirklich nicht? Zunächst stellt sich die Frage, inwieweit ihr Weltbild noch mit dem christlichen Glauben vereinbar ist, wenn z.B. die Vorstellung von einem personalen Gott abgelehnt wird, die Märchen und Mythen als solche betrachtet werden usf.
Aber viel wichtiger zu beachten ist das Problem, dass allgemein anerkannte ethische Werte, wie z.B. die Menschenrechte, die in überragender Weise von Persönlichkeiten entwickelt wurden, die sich religionsfrei der Aufklärung verpflichtet sahen, von den Kirchen, trotz ihres ursprünglichen Widerstandes gegenüber diesen, heute vereinnahmt werden und somit diese Werte den Geruch des „nicht so ganz ernst zu nehmenden“ verleihen, gerade auch bei Kindern und Jugendlichen, die zu recht religiösen Hokuspokus ablehnen und diese Werte dann fataler Weise aber dort subsumieren. Die halbherzige und inkonsequente Haltung der „Sowohl-als-auch-Christen“ ändert auch daran wenig, denn Kinder und Jugendliche haben meist ein feines Gespür, ob etwas „echt“ ist oder ihnen nur als solches vorgespielt wird. Denn wenn die Grundlagen nicht stimmen, ist auch die vernebelte Variante nicht glaubwürdig.

Religionen, zumal die abrahamitischen, sind beinahe per definitionem als ein geschlossenes System angelegt, das die vielen in Wahrheit dennoch offenen Fragen entweder ausklammert (Theodizee), oder nebulös mit einer letztinstanzlichen Größe beantwortet, die als wahrhaft existent vorausgesetzt wird, und deren Existenz begründet („bewiesen“) wird durch „logische“ Schlussfolgerungen, die aber so angelegt sind, dass sich lediglich die behauptete „wahre“ Voraussetzung als solche wieder bestätigt – also als immer wieder kreativ neu formulierte Varianten des immer Gleichen, als Circulus vitiosus.
(Ein Zitat aus Meisners Predigt: „Wenn es wahr ist, und es ist wahr…“ – einfach mal so behauptet, aber leider ohne Belege!)
Dies mit einer ergebnisoffenen, nicht geschlossenen Struktur des Denkens und Forschens zu vereinen, deren Ergebnisse immer nur als vorläufig verstanden werden können und wollen, scheint schlechterdings nicht möglich – man wird es wohl bestenfalls als verlorene Liebesmüh ansehen können. Der glückliche Teil der Menschheit, der geopolitisch in relativ gesicherten Verhältnissen leben darf, muss seiner Verantwortung gerecht werden, indem er es zulässt, dass es auf viele existentielle Fragen (noch) keine Antworten mit „letztgültiger“ Gewissheit gibt, vielleicht nie geben wird. Nur auf Basis dieser Offenheit lassen sich Erkenntnisse gewinnen, mit denen man den Herausforderungen der Zukunft angemessen begegnen kann. Dieses Denken ist aber auch in verwässerter Restreligiosität nicht tragfähig angelegt, man versucht sich allenfalls dem zu nähern.

Es ist bekannt, aber immer wieder erstaunlich, dass es offensichtlich auch im Bereich der (naturwissenschaftlichen) Forschung Menschen gibt, die sich aus dieser fragwürdigen Abhängigkeit nicht lösen können oder wollen, und es bleibt mit Respekt anzuerkennen, dass sie wohl offenkundig gute Arbeit leisten auf einem sich dem theologischem „Denken“ weitestgehend entziehenden Gebiet.

Und so respektiere ich durchaus die argen Nöte, mit denen ein Stammzellenforscher offensichtlich zu kämpfen hat, der sich gleichzeitig als praktizierender Katholik versteht. Aber wer auf die unsäglichen Ausführungen Kardinal Meisners nur zu erwidern bereit ist, „Sei doch still, damit es nicht so sehr auffällt, dass wir wenig (bis nichts) zu bieten haben.“, sollte sich nicht wundern, wenn er aufgefordert wird, einmal nach tragfähigeren Argumenten zu suchen.

Letztendlich wird aber immer wieder – ohne es Hescheler persönlich unterstellen zu wollen – auf vergleichbarer Argumentationslinie lediglich der Versuch unternommen, das religiöse Weltbild als solches als Grundlage des subjektiv empfundenen Haltes soweit als möglich zu retten, indem man es „weichklopft“, bis es irgendwie zu passen scheint, nur damit man es nicht aufgeben muss, wenn man mit der Aufklärung im 21. Jahrhundert so einigermaßen kompatibel zu sein gewillt ist und nicht so genau hinschaut. Da stört natürlich solch ein grober Keil, der ungezügelt von der Kanzel geschleudert wird, den Weichspülvorgang ungemein. Denn gern rudert man, je nach Grad der Aufklärung des diskutierenden Gegenübers, so weit zurück, bis man zur Not nur noch eine allenfalls pantheistische Position zu besetzen vermag, mit der letztlich so ziemlich jeder gut leben kann – obwohl man diese Hypothese eigentlich auch nicht benötigt. Man vergisst dabei gerne, dass Religion und Kirche und Priesterschaft und so weiter damit obsolet geworden sind – und man rudert anschließend wieder ein ganzes Stück weit vor in die alten Gefilde, wenn man auf der anderen Seite wieder wegschaut! Auch wenn das vielleicht die in gewisser Weise sympathischere Position sein mag – das dumpfe Poltern von der Kanzel ist, wenn auch nicht ehrlicher, so doch wenigstens konsequent. (Ob Kardinal Meisner bereit ist, dieses kleine Lob von mir anzunehmen, so er es denn je erfährt, werde ich wohl nie erfahren!)

So bleibt, in Köln-Deutz ans Ufer des Rheins zu treten und zu schauen, ob immer noch lediglich Niedrigwasser den Vorort von der Innenstadt trennt. Vielleicht besteht ja in diesem Moment die Chance, als normal Sterblicher einmal den Versuch zu starten, zu Fuß hinüber zu gehen, zum altehrwürdigen Dom zu Köln: zu Fuß über das Wasser.

November 7, 2009 - Posted by | Eigene Artikel | ,

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