Religiöse Gefühle gehören verletzt
Theologen und Kulturrelativisten argumentieren immer wieder, dass die Neuen Atheisten mit ihrer polemisch-zynischen Wortwahl genauso hetzerisch seien wie religiöse Fundamentalisten. Wie christliche, islamische und rechtsradikale Hassprediger würden Sie Menschen mit abweichenden Überzeugungen mit Misstrauen begegnen und sie durch ihre Wortwahl unterschwellig als “böse” klassifizieren. Diese Einwände sind sicherlich fast jedem Menschen, der religiöse Überzeugungen so scharf kritisiert wie politische, schon einmal in Diskussionen begegnet. Aber sind sie auch objektiv haltbar?
Religions- und Ideologiekritik muss zugespitzt sein, wenn sie wirken soll. Voltaire, Rosseau und Heinrich Heine waren deshalb so erfolgreiche Aufklärer, weil sie gute Polemiker waren, genau wie heute Dawkins, Hitchens und Schmidt-Salomon. Keiner dieser sechs Herren hat jedoch jemals behauptet, religiöse Menschen könnten niemals gute Menschen oder keine Humanisten sein. Zwar schließt auch Religion “light” einen wirklich konsequenten, aufgeklärten Humanismus aus, aber diese “Gewohnheitsgläubigen” mit mildem Gemüt betrachtet keiner der Neuen Atheisten als Bedrohung für die offene Gesellschaft. Das Problem mit Gewohnheitsgläubigen ist lediglich, dass sie als Mitglieder im “Monotheismus-Club” zumeist Institutionen unterstützen, die oft sogar laut offizieller Satzung z.B. Andersgläubige, Frauen und Homosexuellen diskriminieren (z.B. die katholische Kirche).
Die Neuen Atheisten haben nie pauschal gegen ganze Bevölkerungsgruppen gehetzt, so wie faschistische Fanatiker, die sich sakralen oder politischen Heilslehren verpflichtet haben. Stattdessen haben sie – oftmals mit viel Humor – stets allein gegen bestimmte Glaubensdogmen polemisiert und dogmatisch geschlossene Weltanschauungen als potenziell schädlich bezeichnet. Humanistische Aufklärer erkennt man unter anderem daran, dass sie nie zu Gewalt aufrufen oder Gewalt vertuschen, so wie institutionalisierte Religionen es immer getan haben und es noch heute tun. Humanisten wollen auch niemanden aufgrund seiner Herkunft oder Religionsangehörigkeit ausbürgern oder deportieren lassen, so wie es die auch in Westdeutschland neuerdings wiedererstarkende extreme christliche Rechte in der Politik fordert.
Wenn Michael Schmidt-Salomon von “humanistischer Spreu” und “humanistischem Weizen” schreibt, meint er damit Denkrichtungen des Humanismus, er plädiert nicht etwa dafür, Menschen mit einem spirituell-religiösen Zugang zum Humanismus als “schlechte” oder gar “böse” Humanisten zu diffamieren. Und wenn er von der Gefahr der Gotteshörigkeit spricht, so sei daran erinnert, dass Politiker und Terroristengruppen auch heute noch gerne mit Sprüchen wie “Gott mit uns” ihre treuen Jünger anheizen.
Aufrichtigen Respekt vor Gläubigen als mündige Menschen mit Menschenwürde betrachtet keine humanistisch-religionskritische Organisation als unerwünscht – wohl aber blinden Respekt vor irrationalen und potenziell gefährlichen Meinungen. Schon der kritisch-rationale Philosoph Karl Popper wusste, dass Uneingeschränkte Toleranz gegenüber Intoleranten schließlich zum Verschwinden aller Toleranz führen muss. Verletzte Menschenwürde und Gewalt sind zu verachten und auch juristisch zu verfolgen. Über verletzte Gefühle aufgrund von Polemik gegen liebgewonnene Überzeugungen regen sich aber immer am Lautesten chronisch intolerante Dogmatiker auf, die ihre allein-seligmachende Heilslehre und ihren eigenen darauf aufbauenden Status gefährdet sehen. Es gilt scharf zu differenzieren zwischen destruktiver Kritik am Wesen von Menschen und konstruktiver Kritik am Denken von Menschen – was die Neuen Atheisten bisher stets getan haben.
TB
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