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Der Sinn des Lebens, eine ausschließlich religiöse Frage?

 

Von Bernd Vowinkel

Über den Sinn unserer Existenz zerbrechen sich Philosophen seit Jahrtausenden den Kopf, ohne zu wirklich überzeugenden Antworten zu kommen. Nur die Vertreter der Religionen sehen sich in der Lage, darauf eine endgültige Antwort geben zu können. Für die meisten Geistes­wissenschaftler fällt diese Frage in eine Kategorie, die nicht Gegenstand der Naturwissenschaften ist und auch nicht sein kann. Ebenso lehnen die meisten Evolutions­biologen die Versuche, eine Teleologie in die Evolutionstheorie hineinzu­interpretieren, grundsätzlich ab. Die Frage bleibt damit, ob es irgendwelche objektiven Methoden gibt, einer Antwort dieser wichtigen Frage näher zu kommen. Doch auch hier können die Naturwissenschaften (insbesondere die Kosmologie) und sogar die Mathematik zumindest wichtige Hinweise geben.

Hamlet, auf Sinnsuche mit Yoricks SchädelEs gibt eine Reihe von Philosophen, die die Frage nach dem Sinn des Lebens selbst für unlogisch halten. Dazu zählen unter anderen die Philosophen F.Mauthner auch A.J.Ayer. Nach Ayer1 ist die Frage nach dem Sinn äquivalent zu der Frage „warum“. Fragt man, wie das zuweilen Kinder tun, nach jeder Antwort immer wieder „warum“, so kommt man zwangs­läufig in eine Situation, in der man die Antwort nur noch auf eine höhere Ebene (z.B. Gott) verschieben kann, auf die man keinen Zugriff hat, oder die man nicht weiter analysieren kann.

Einige sind zu der Überzeugung gelangt, dass unsere Existenz tatsächlich keinen Sinn hat und somit absurd ist, und dass alle unsere Bemühungen letztlich umsonst sind. So steht schon im alten Testament bei den Predigern (Ecclesiastes):

Wahn, nur Wahn, spricht der Prediger, Wahn nur Wahn, alles ist Wahn! Was bleibt dem Menschen bei all seiner Mühe, die er sich macht unter der Sonne? Ein Geschlecht geht, und ein Geschlecht kommt, die Erde aber bleibt ewig stehen. … Alle Dinge hetzen sich müde, kein Mensch kann es sagen (wozu). Das Auge wird vom Sehen nicht satt, das Ohr vom Hören nicht voll. Was war, wird wieder sein; was geschah, wird wieder geschehen, und nichts Neues gibt es unter der Sonne. Gibt es etwas, von dem man sagen kann: „Sieh, dieses ist neu“? Längst war es zu Zeiten, die vor uns gewesen. Es bleibt kein Erinnern an die Früheren, und auch für die Späteren, die kommen  werden: Es gibt kein Erinnern an sie bei denen, die noch später kommen. … Ich besah mir alle Werke, die unter der Sonne geschehen, und sieh da, alles ist Wahn und ein Jagen nach dem Wind…  und ich verlegte mich darauf, Weisheit und Wissen zu erkennen, Torheit und Narrheit. Ich musste erkennen: auch dies ist ein Jagen nach dem Wind. Denn bei viel Weisheit ist viel Verdruss, und mehrt man das Wissen, mehrt man das Leid.

Fragen wir uns also zunächst, ob es überhaupt einen letzten Sinn für irgendwelche Wesen in unserer Welt geben kann. Unter dem Begriff „letzter Sinn“ wollen wir hier einen Sinn verstehen, der nicht nur vorübergehend vorhanden ist, sondern in alle Ewigkeit existiert. Damit ist diese Frage eng mit der Frage nach der ewigen Fortdauer einer Zivilisation von bewusst denkenden Wesen verbunden. Die hierfür erforderliche materielle Grundlage ist wiederum eine Frage der Kosmologie und damit der Naturwissenschaften. Alle derzeit aktuellen Weltmodelle lassen nur eine zeitlich begrenzte Fortdauer von Zivilisationen in unserem Universum zu. Das heißt, es wird in unserem Universum irgendwann keine bewussten Beobachter mehr geben. Damit verlieren alle bis dahin gesammelten Informationen und Erkenntnisse einschließlich unserer Geschichte ihren Wert. Wenn dann selbst die materiellen Träger der gesammelten Informationen zer­fallen und damit auch keine Information über unsere Zivilisation mehr übrig bleibt, so ist in diesem Fall ein letzter, höherer Sinn der Existenz von intelligenten Wesen nicht zu erkennen. Das schließt allerdings nicht einen vorübergehenden Sinn unseres Lebens aus. Falls wir aber schon in unserem jetzigen Leben absolut keinen Sinn sehen, so muss man sich auf der anderen Seite auch fragen, wozu wir dann ein ewiges Leben anstreben. Eine Sinnlosigkeit, die ewig dauert, erscheint noch schwerer zu ertragen sein als ein begrenztes sinnloses Leben (siehe dazu das Buch „Die Schrecken des Paradieses: wie lebenswert wäre das ewige Leben?“ von Ester Vilar2).

Im Fall des zyklischen Weltmodells wären wir mit dem Problem der ewigen Wiederkehr konfrontiert. Hier müssten wir unsere Zivilisation immer wieder neu aufbauen. Damit hätte das Leben keinen letzten Sinn, weil sich alles ständig wiederholt. Dennoch kann man auch in diesem Fall einen zeitlich begrenzten Sinn erreichen. Wenn das Erreichen eines Zustandes, dem wir einen nicht weiter zu steigernden Wert beimessen, jeweils nur einen winzigen Bruch­teil der Zeit braucht, die dieser Zustand dann anhält, so könnten wir sozusagen als langfristige Bilanz von einem Sinn sprechen.

Der Begriff „Sinn“ lässt sich mit Zweck und Wert umschreiben. Sinn hat für uns etwas, was in unserer Werteskala zum Erreichen eines höheren Wertes führt. Damit stoßen wir auf unsere eigenen Wertmaßstäbe. Diese haben wir uns aufgrund unserer empirischen Erfahrung angeeignet. Unsere Erfahrungen hängen aber unmittelbar mit unserer eigenen Lebenssituation zusammen. Zukünftige Generationen werden unter Umständen zu einer völlig anderen Werte­skala kommen. Damit stellt sich die Frage, inwieweit wir überhaupt unsere derzeitigen Wertmaßstäbe in die Ewigkeit fort­schreiben können. Gibt es objektive, absolute Werte?

In der naturwissenschaftlichen Forschung spielt die Frage nach dem Zweck vordergründig keine Rolle. Sie widmet sich der Untersuchung von Ursachen und Verläufen. Mit ihren Ergebnissen beschreiben die Naturwissenschaften das, was wir als objektive Realität aner­kennen. Sie geben damit nur den Rahmen vor, indem sich die Suche nach einem Zweck abspielen kann. In Gegensatz dazu ist die Frage nach dem Zweck bzw. dem Sinn der Kern aller Religionen. An neue Forschungsergebnisse aus den Naturwissenschaften kann sich jede Religion anpassen, nicht aber an eine Welt, die ohne höheren Sinn und Zweck ist. Sollten wir also zu der gesicherten Erkenntnis kommen, dass es für unsere Existenz keinen letzten, höheren Sinn gibt, so wäre das auch das Ende fast aller Religionen.

In der Philosophie Kants3, 4 spielt der letzte höhere Zweck eine zentrale Rolle. Er sieht das höchste Gut in der Sittlichkeit. Die Glückseligkeit setzt er an die zweite Stelle. Die zentrale Stütze seiner praktischen (moralischen) Vernunft ist die Existenz eines freien Willens. Diese Existenz ist aber im Moment unbewiesen und eher zweifelhaft. Damit ist aber seine gesamte Moralphilosophie in Frage gestellt.

Ein letzter Sinn kann immer nur für eine oder mehrere Wesen mit Bewusstsein existieren. Es können zwar z.B. Tasten eines Klaviers Sinn für dessen Funktion machen, aber ein Klavier ohne jemand der es spielt, ist selbst ein absolut sinnloser Gegenstand. Für Atheisten bleibt damit der Mensch und das was ihm eventuell nachfolgt (z.B. künstliche Intelligenz) als letzte Instanz übrig. Die Frage, ob das Universum einen Zweck erfüllt ist nicht gleichzusetzen mit der Frage nach dem letzten Sinn unserer eigenen Existenz. Es ist durchaus denkbar, dass das Universum für irgendjemanden einen Zweck erfüllt, dass die Menschheit aber ein Zufallsprodukt der Evolution ist und keinerlei weitergehenden Zwecken dient. Bestenfalls dient unsere Existenz vielleicht der Erfüllung von statistischen Regeln, die in den Natur­gesetzen ihren Ursprung haben. Von unserer Sicht trifft genau dieses für einen Teil der Flora und Fauna unseres Planeten zu. Tiere können sich selbst die Frage nach dem Sinn ihrer Existenz nicht stellen, da es ihnen dazu an ausreichendem Langzeitbewusstsein fehlt. Von einem Teil der Tiere können wir zumindest sagen, dass ihre Existenz für uns einen Sinn hat, da sie uns als Nahrungsquelle dienen oder sonst von Nutzen sind. Aber eine Reihe von Pflanzen und Tieren sind für uns völlig nutzlos. Sie sind sozusagen sinnlose Überbleibsel der Evolution und erfüllen damit nur statistische Grundregeln der Natur.

Religiös motivierte Philosophen sehen den letzten Sinn unserer Existenz nicht unmittelbar für uns selbst, sondern für Gott. Wenn Gott unsere Welt erschaffen hat, so muss er sich dabei etwas gedacht haben. Damit kennt zunächst nur er selbst den Sinn unserer Existenz. Wenn dies der Fall wäre, so könnten wir aus eigener Kraft nicht zu einer Antwort kommen. Für die Religionsvertreter ist damit in der Regel das Problem erledigt. Sie ziehen daraus die Lehre, dass wir ein gottgefälliges Leben zu leben haben, das im Jenseits mit der ewigen Glückseligkeit belohnt wird. Menschen, die aufgrund dieses Versprechens ein ehrenwertes Leben führen, handeln aber letztlich aus niedrigen Beweggründen. Der Philosoph A.J.Ayer1 fragt:

Was ist eigentlich so tröstlich an dem Gedanken, eine Marionette in der Hand eines höheren Wesens zu sein?

Falls es einen Gott geben sollte, so ist es nach dem amerikanischen Philosophen Robert Nozick für uns nicht so entscheidend, welchen Zweck er mit unserer Existenz verfolgt, sondern ob dieser Zweck unserem eigenen Leben einen Sinn geben kann. Wenn wir in Gottes Plan nur eine unwesentliche, triviale Nebenrolle spielen würden (wie z.B. die Pflanzenwelt mit CO2 zu versorgen), wären wir damit zufrieden? Nein, wir möchten schon zu Gottes wichtigsten Anliegen und Zielen gehören! Weiterhin sollte unser Beitrag positiv, wenn nicht gar erhaben sein. Zu diesem Thema erzählt der Robotik-Experte Edward Fredkin (Carnegie Mellon University)  folgenden Witz: Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass unser Leben einen Sinn hat. Die schlechte Nachricht ist, dass der Sinn darin besteht, einem weit entfernten Hacker zu helfen, die Zahl Pi auf neun Trilliarden Stellen nach dem Komma zu bestimmen.

Manche halten sich trotzdem für so schlau, den Willen Gottes in Worte zu fassen. So glauben manche, dass es Gottes Wunsch war, für immer die Gesellschaft einer Gemeinde von endlichen und erlösten Wesen zu genießen, die seine Liebe aus freien Stücken mit Liebe und Verehrung erwidert haben (aus „Christian Faith To-Day“5, Stephen Neill, London 1955). Dazu schreibt der Philosoph Kurt Baier:

Kann es mit rechten Dingen zugehen? Können wir von einem Gott sagen, er sei allwissend, allmächtig und allgütig, wenn er, um sein Verlangen nach Liebe und Verehrung zu stillen, seinen Kreaturen unverdientes Leid in dem Ausmaß aufbürdet (oder aufbürden muss), wie wir es auf der Welt vorfinden?

Diesem Problem begegnen die meisten Theologen mit dem Argument, dass erst die Menschen das Übel in die Welt gebracht hätten. Wie naiv diese Einstellung ist, zeigt die Tatsache, dass es vor dem Menschen bereits Tiere gegeben hat, die über ein gewisses Maß an Bewusstsein verfügt haben. Sie haben gelitten und sind zum Teil qualvoll gestorben, also gab es schon das Übel vor der Existenz der ersten Menschen.

Nun mag man sich auf der anderen Seite fragen, ob man ohne eine Hoffnung auf Belohnung im Jenseits, wie sie von den Religionen versprochen wird, und ohne einen klaren, höheren Sinn der eigenen Existenz vor Augen, überhaupt in der Lage sein kann, ein vernünftiges Leben zu führen. Dazu schreibt der englische Philosoph Walter T.Stace1:

Ein wahrhaft zivilisierter Mensch zu sein bedeutet, ein aufrechtes und ehrenwertes Leben führen zu können, ohne sich auf die Krücken der kindlichen Träume zu stützen, auf die sich die Menschen bislang verlassen haben. Ich behaupte nicht, dass ein solches Leben zu ekstatischen Glückszuständen führt. Aber es erlaubt allemal eine ruhige Zufriedenheit, in der man Dinge, die sich nun einmal nicht ändern lassen, hinnimmt, nicht das Unmögliche erwartet und für kleine Freuden dankbar ist.

In der Philosophie Schopenhauers6 spielt der Wille eine zentrale Rolle. Im Vierten Buch seines Werkes „Die Welt als Wille und Vorstellung“ schreibt er:

Die Basis allen Wollens aber ist Bedürftigkeit, Mangel, also Schmerz, dem er folglich schon ursprünglich und durch sein Wesen anheimfällt. Fehlt es  hingegen an Objekten des Wollens, indem die zu leichte Befriedigung sie ihm sogleich wieder wegnimmt, so befällt ihn furchtbare Leere und Langeweile: d.h. sein Wesen und sein Dasein selbst wird ihm zur unerträglichen Last. Sein Leben schwingt also, gleich einem Pendel, hin und her, zwischen Schmerz und der Langeweile, welche beide in der Tat dessen letzte Bestandteile sind. Dieses hat sich sehr seltsam auch dadurch aussprechen müssen, dass, nachdem der Mensch alle Leiden und Qualen in die Hölle versetzt hatte, für den Himmel nun nichts übrig blieb, als eben Langeweile.

Wenn wir es nun schaffen sollten, den Menschen und die Technologie so weit zu bringen, dass niemand mehr Mangel und Schmerz erleidet, werden sich diese Menschen womöglich langweilen? Führt gar generell unser ganzes Streben nach Vollkommenheit und Glück letztlich nur zu Langeweile? Der amerikanische Philosoph Richard Taylor zieht Vergleiche unseres Daseins mit der Geschichte des Sisyphos aus der griechischen Mythologie. Nachdem Sisyphos Geheimnisse der Götter verraten hatte, wurde er dazu verurteilt, in alle Ewigkeit einen Felsbrocken einen Berg hinaufzuwälzen, von dessen Gipfel der Fels wieder hinunterrollte. Wegen der absoluten Sinnlosigkeit seiner Plackerei war dies eine besonders harte Strafe.

Auch in unserem Leben ist ein Fortschritt nicht unmittelbar zu sehen. Wir arbeiten für unseren Lebensunterhalt, wir setzen Kinder in die Welt, damit auch sie wieder arbeiten, um am Leben zu bleiben. So geht das von Generation zu Generation, ohne dass dabei ein tieferer Sinn zu erkennen ist. Warum, so fragt man sich, nehmen wir uns nicht alle das Leben, nachdem wir die Sinnlosigkeit unserer Existenz erkannt haben? Offensichtlich finden die meisten Menschen ihr Leben aber trotzdem lebenswert. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie Glück empfinden, wenn sie mit ihrer Familie zusammen sind, wenn sie Erfolge im Beruf oder bei ihrer Freizeitbetätigung haben usw. Selbst die für die Sicherung der Existenz notwendige Arbeit wird von vielen als interessant angesehen und insofern nicht als reine Plackerei empfunden. Außerdem haben eben doch viele die Hoffnung, dass es durch die eigene Plackerei zukünftigen Generationen besser geht.

Aus diesen Erkenntnissen schließt Taylor, dass man das Unglück des Sisyphos ins Gegenteil verkehren könnte, wenn es möglich wäre, ihm eine Injektion mit einer Substanz zu verpassen, die dazu führt, dass er seine Arbeit mit großem Vergnügen ausführt. An der äußeren Situation würde sich nichts ändern. Sisyphos würde immer noch eine absolut sinnlose Tätigkeit ausüben, aber er wäre dabei glücklich und zufrieden. Für ihn wäre seine ständige Tätigkeit geradezu der Lebensinhalt seiner Existenz. Taylor vergleicht dieses Ergebnis mit einer zunächst höheren Art von Sinn. Er nimmt dazu an, dass Sisyphos den tiefen Wunsch empfindet, einen Tempel zu errichten, dessen Schönheit von ewiger Dauer ist. Nehmen wir an, die Götter erlauben ihm das. Er sieht jetzt in der Steineschlepperei ein Ziel und nach längerer Zeit hat er dieses Ziel auch erreicht. Auf dem Berg steht nun ein schöner Tempel und Sisyphos setzt sich zur Ruhe und genießt sein Werk. Aber was nun? Bereits nach wenigen Tagen kommt Langeweile auf. Worin liegt nun der Sinn seines Tuns? Gegen die Sinnlosigkeit der Steineschlepperei wurde lediglich die Sinnlosigkeit des Nichtstuns und der Langeweile ausgetauscht. Nach Richard Sylvan und Nicholas Griffin kann man Taylors Argumentation noch etwas verfeinern und in folgender Skizze  zusammenfassen:

Tätigk

Der Literaturnobelpreisträger Albert Camus7 sieht Sisyphos als glücklichen Menschen, weil Sisyphos die Absurdität seines Handelns akzeptiert. In seinem Essay „Der Mythos des Sisyphos“ schreibt er:

So erahnt der absurde Mensch ein glühendheißes und eiskaltes, durchsichtiges und begrenztes Universum, in dem nichts möglich, aber alles gegeben ist, und jenseits ist nur noch Niedergang und Nichts. Nun kann er sich entschließen und bereit sein, in einem solchen Universum zu leben und aus ihm seine Kraft zu gewinnen, seinen Verzicht auf Hoffnung und die eigensinnige Bekundung eines Lebens ohne Trost.

Was bedeutet das Leben in einem solchen Universum? Nichts anderes zunächst als die Gleichgültigkeit der Zukunft gegenüber und das leidenschaftliche Verlangen, alles Gegebene auszuschöpfen. Der Glaube an den Sinn des Lebens setzt immer eine Wertskala voraus, eine Wahl, unsere Vorlieben. Der Glaube an das Absurde lehrt nach unseren Definitionen das Gegenteil.

Nun kann man allerdings unser Tun nicht ohne weiteres mit der sinnlosen Tätigkeit von Sisyphos vergleichen. Zwar sind auch unsere Bauwerke und sonstige Produkte nicht von ewiger Dauer, aber unser Wissen, unsere Geschichte und unsere Kultur haben zumindest das Potenzial, ewig zu existieren. Dennoch bleibt die Frage nach dem endgültigen Zweck. Solange wir keinen wirklich endgültigen Zweck erkennen können, scheint unser Tun sinnlos zu sein. Ein endgültiger Zweck muss aber ein Zweck an sich sein und nicht für etwas oder für jemanden. Denn sonst kann man immer weiter nach dem Zweck fragen. Damit endet die Frage schließlich bei dem Zweck unserer gesamten Welt, einschließlich ihrer Bewohner.  Wenn wir hier unter dem Begriff „gesamte Welt“ bzw. Universum alles verstehen wollen was es gibt, so ist diese Frage selbst aber sinnlos, denn einen Zweck kann unsere Welt ja nur für jemanden haben, der nicht selbst Teil der Welt ist. Wenn es aber jemanden außerhalb unserer Welt gäbe, so wäre sie nicht vollständig. Diese Feststellung kann übrigens als Analogon zu Gödels Unvollständigkeitssatz aus der Mathematik gesehen werden, denn ihr liegt die gleiche logische Überlegung zugrunde. Der Mathematiker Kurt Gödel wies mit seinem im Jahre 1931 veröffentlichten Unvollständigkeitssatz nach, dass man in Systemen wie der Arithmetik nicht alle Aussagen formal beweisen oder widerlegen kann. Sein Satz besagt:

Jedes hinreichend mächtige formale System ist entweder widersprüchlich oder unvollständig.

Angewandt auf unsere Fragestellung ließe sich dieses Gödel-Theorem dann so formulieren:  In einer abgeschlossenen, vollständigen Welt gibt es keine letzten, absoluten Werte und daher hat eine solche Welt auch keinen letzten Sinn.

Dennoch sehen manche in der biologischen Evolution den Beweis für eine Ziel gerichtete Entwicklung und es ist verlockend, daraus auf eine Zielrichtung bzw. einen absoluten Wert für unser ganzes physikalisches Universum zu schließen. Man nennt diese Vorstellung, dass alle Vorgänge von einen vorherbestimmten Endzustand beeinflusst werden, Teleologie. Solche Vorstellungen können aber erst dann ernsthaft diskutiert werden, wenn wir über ein vollständigeres naturwissenschaftliches Weltbild verfügen. Im Moment sind diese Ideen reine Spekulation. So wehrt sich z.B. der berühmte Evolutionstheoretiker Ernst Mayr vehement dagegen, eine Teleologie aus der Evolution abzuleiten:

Es existieren weder ein Programm noch ein Gesetz, die in der Lage wären, biologische Evolution teleologisch zu erklären oder vorherzusagen. Darüber hinaus besteht kein Bedarf mehr an einer teleologischen Erklärung: Der Darwinsche Mechanismus der natürlichen Auslese mit seinen Zufälligkeitsaspekten und Einschränkungen ist völlig ausreichend.

Nun war aber die Entstehung intelligenten Lebens in unserer Welt an eine ganze Reihe sehr kritischer Voraussetzungen gebunden. Nur geringfügig veränderte Naturkonstanten würden die Entwicklung komplexer biologischer Lebewesen unmöglich machen. Manche sehen in dieser Tatsache einen Hinweis auf einen Schöpfer unserer Welt. Kritiker dieser Idee argumentieren damit, dass es womöglich eine Vielzahl von Welten gibt, mit jeweils unterschiedlichen Naturgesetzen und Naturkonstanten. Damit hätten die Naturgesetze und die Naturkonstanten keine bestimmte Ursache, sondern wären letztlich Folge von Zufällen. Von bewusst denkenden Lebewesen können dann nur solche Welten wahrgenommen werden, die die Entstehung eben dieser Wesen erlauben. Man nennt dies das starke anthropische Prinzip8. Ob es Universen gibt, die unbewohnt sind, ist naturwissenschaftlich im Moment nicht zu beantworten, da solche Universen naturwissenschaftlichen Beobachtungen und Messungen nicht unmittelbar zugänglich sind. Es sind bestenfalls Beobachtungen denkbar, die die zugrunde liegende Theorie stützen.

In dieser Stelle sollten wir den Begriff  Zweck etwas differenzieren in einen äußeren und einen inneren Zweck. Zweck für Jemanden oder für Etwas ist dann ein äußerer Zweck. Der innere Zweck ist ein subjektiver Zweck für einen selbst. So ist zum Beispiel der größte Teil unserer Freizeittätigkeiten, wie z.B. Computerspiele, Skifahren, Fernsehen ohne Ziel und damit ohne äußeren Zweck und Sinn (abgesehen von der Wiederherstellung unserer Arbeitskraft bzw. von der notwendigen Erholung nach der Arbeit). Dennoch üben wir diese Tätigkeiten mit großer Begeisterung aus, weil sie uns Spaß machen. Spaß bedeutet letzten Endes die Erfahrung persönlicher Glücksgefühle. Dieser Zustand ist also vergleichbar mit Sisyphos, der eine Injektion bekommen hat. Das was hier bisher als letzter, höherer Sinn unserer Existenz bezeichnet wurde, ist dem Begriff des letzten, äußeren Zwecks zuzuordnen. Wenn wir unsere Welt als real einstufen, so kann es aber offensichtlich, wie oben dargelegt, einen solchen letzten, höheren, äußeren Zweck bzw. Sinn nicht geben. Tätigkeiten die auf die Verwirklichung eines inneren Zwecks gerichtet sind, können wir hier zwar ebenfalls als sinnvollen, äußeren Zweck ansehen, dieser hat aber ein zeitlich festgelegtes Ziel und ist daher kein auf die Ewigkeit gerichteter letzter Zweck.

Was bleibt, ist damit die Suche nach einem letzten, inneren Zweck. Diese Suche richtet sich auf unser Bewusstsein. Dinge und Tätigkeiten, die wir als positiv bewerten, haben für uns einen subjektiven Wert. Der Sinn unseres Lebens kann dann darin liegen, diese Werte zu pflegen und zu vermehren. Nun wissen wir natürlich, dass wir, um möglichst häufig solchen Glück bringenden Tätigkeiten nachgehen zu können, gelegentlich arbeiten müssen. Unsere Arbeit erfüllt aber aus diesem Grunde einen Zweck und ist somit sinnvoll. Das gleiche gilt auch für den größten Teil unserer täglichen Arbeiten im privaten Bereich. Schließlich sagen uns auch unsere Vernunft und unsere Intelligenz, dass wir ein Teil unserer Bemühungen auch dem Allgemeinwohl widmen müssen, um das Umfeld aufrechtzuerhalten, indem wir unsere Glücksgefühle ausleben können. Alle diese Tätigkeiten haben einen äußeren Sinn, so können aber gleichzeitig auch noch einen inneren Sinn haben, wenn sie uns nicht nur Last sind, sondern uns auch Spaß machen.

Da unser sozioökonomisches Umfeld nicht nur auf der Arbeit einer Generation beruht, sondern auf vielen Generationen, ist der Fortschritt in allen Bereichen unserer Zivilisation etwas, das einen (zeitlich begrenzten) äußeren Zweck hat. Daraus kann man die Verpflichtung ableiten, weiter dem Fortschritt zu dienen. Dazu zählt aber letztlich alles das was der Weiterentwicklung unserer Zivilisation dient. Was ist aber mit denen, die diesem Ziel mehr schaden als nutzen? Ihr Leben hat dann offensichtlich keinen äußeren Sinn. Es liegt aber in der Natur der Sache, dass es in jeder Zivilisation Personen gibt, die einem festgesetzten Ziel mehr oder weniger dienen. Das ist letztlich eine Frage der Statistik. Obwohl einige dem Ziel nicht dienen, muss man ihre Existenz sozusagen aus statistischen Gründen in Kauf nehmen. Das lässt sich vergleichen mit dem Anteil an Kriminellen in einer Gesellschaft. Wenn man eine offene Gesellschaft möchte, so zeigt die Erfahrung, muss man ein gewisses Maß an Kriminalität in Kauf nehmen.

Glück selbst ist ein durch äußere oder innere Zustände erzeugtes Gefühl. Zu den äußeren Zuständen zählt die Lebenssituation. Nun haben aber psychologische Untersuchungen (in den westlichen Ländern) gezeigt, dass unser Glücksgefühl nur in einer Größenordnung von 10 % bis maximal 20 % von den äußeren materiellen Lebensbedingungen abhängt. Außerdem gibt es einen Gewöhnungseffekt. So zeigte sich, dass Lotteriegewinner bereits nach wenigen Monaten auf ihr altes Glücksniveau zurückfallen. Das bedeutet, dass vorübergehende Glücksgefühle vor allem dann eintreten, wenn sich eine Verbesserung der Lebensumstände einstellt. Danach klingen sie wieder ab. Bei den inneren Zuständen spielt unsere Biochemie eine wesentliche Rolle. Durch Drogen lassen sich somit diese Zustände stark beeinflussen. Damit zeigt sich übrigens, dass sich die Ursachen von Gefühlen zumindest teilweise  naturwissenschaftlich beschreiben lassen.

Die Frage warum wir Glück als positiv beurteilen ist letztlich sinnlos, denn Glücksgefühle sind ein Produkt unserer Evolution. Sie sind sozusagen die Belohnung für ein erfolgreiches Streben nach bestimmten Zielen. Die Ziele selbst ergeben sich aus unserem Selbsterhaltungstrieb und der Erhaltung unserer Spezies. Insofern ist die Existenz von Glücksgefühlen eine Art von Naturgesetz, das für unsere Existenz Voraussetzung ist. Jede bewusst denkende Spezies würde ohne gelegentliche Glücksgefühle in den Selbstmord getrieben und für immer verschwinden.

Man kann das Gefühl des Glücks auch nicht weiter zerlegen und analysieren (zumindest noch nicht!). Wir können vielleicht die biochemischen Vorgänge und die neuronalen Vorgänge in unserem Gehirn entschlüsseln, die zu Glücksgefühlen führen, aber das analysiert nicht das Gefühl selbst. Insofern stellt es einen subjektiven Wert an sich dar, bei dem die Frage nach dem „warum“ keinen Sinn mehr macht. Wenn sich die bewusst erlebte Zeit über die Menge der bewussten Augenblicke und damit der verarbeiteten Information definieren lässt, so lässt sich dann Sinn bzw. Wert als Menge der erlebten glücklichen Augenblicke definieren. Ein individuelles Leben ist dann als subjektiv sinnvoll zu bezeichnen, wenn man am Ende des Lebens die Feststellung trifft, dass man gerne bereit wäre, das gleiche Leben noch einmal zu leben. In der Bilanz stellt sich dann die Frage, ob die Summe der erlebten glücklichen Momente die Summe der unglücklichen Momente überwiegt. Das Ziel muss also vor allem sein, das Unglück zu vermeiden. Für uns Menschen ist dies schon wegen der Unzulänglichkeiten unseres Körpers nur sehr begrenzt möglich. Das Unglück des Todes ist ohnehin nicht zu beseitigen. Nicht zuletzt aus diesen Gründen sieht Schopenhauer6 den Sinn unseres Lebens nicht im Streben nach Glück und der Erlangung desselben, sondern er hat diesbezüglich eine sehr pessimistische Haltung, die darin gipfelt, der er im Sterben den eigentlichen Sinn des Lebens sieht (Ergänzungen zum vierten Buch, Kap.49)):

Das Sterben ist allerdings als der eigentliche Zweck des Lebens anzusehen: im Augenblick desselben wird alles das entschieden, was durch den ganzen Verlauf des Lebens nur vorbereitet und eingeleitet war. Der Tod ist das Ergebnis, das Resume des Lebens, oder die zusammengezogene Summe, welche die gesamte Belehrung, die das Leben vereinzelt und stückweise gab, mit einem Male ausspricht, nämlich diese, dass das ganze Streben, dessen Erscheinung das Leben ist, ein vergebliches , eitles, sich widersprechendes war, von welchem zurückgekommen zu sein eine Erlösung ist.

Viele Menschen, deren Leben eine Aneinanderreihung von Leiden und Entbehrungen war, werden dieser pessimistischen Einschätzung folgen. In den letzten Jahrzehnten hat aber die moderne Medizin in den entwickelten Ländern das Leid erheblich reduzieren können. Weiterhin hat der materielle Wohlstand die Voraussetzungen für ein erfülltes Leben verbessert. Dennoch taucht an dieser Stelle die Frage auf, ob es überhaupt möglich ist, eine bessere Welt zu schaffen, wenn man die Wesen, die diese Welt bewohnen, unverändert lässt. Hierzu schreibt Schopenhauer sehr treffend (Die Welt als Wille und Vorstellung, Ergänzungen zum vierten Buch, Kap. 41):

Zu einem glückseligen Zustande des Menschen wäre also keineswegs hinreichend, dass man ihn in eine „bessere Welt“ versetzte, sondern auch noch erfordert, dass mit ihm selbst eine Grundveränderung vorginge, also dass er nicht mehr wäre was er ist, und dagegen würde was er nicht ist. Dazu aber muss er zuvörderst aufhören zu sein was er ist: dieses Erfordernis erfüllt vorläufig der Tod, dessen moralische Notwendigkeit sich von diesem Gesichtspunkt aus schon absehen lässt. In eine andere Welt versetzt werden, und sein ganzes Wesen verändern, – ist im Grunde Eins und dasselbe.

Schopenhauer argumentiert mit dieser Feststellung, dass die notwendige Veränderung so weit gehen muss, dass dabei die Individualität verloren geht. Dennoch ist sicherlich richtig, dass zur Erreichung von Glückseligkeit auch der Mensch selbst verändert werden muss.

Ein objektives, pragmatisches Ziel der gesamten Menschheit kann so formuliert werden: Die Menge der von allen Individuen subjektiv empfundenen glücklichen Augenblicke ist zu maximieren und das Unglück zu minimieren. Dieser Standpunkt wird in der Philosophie von den Pragmatisten (z.B. im Utilitarismus) vertreten. Mit den Begriffen der Natur­wissenschaften gesprochen, gilt es, die Summe der Glücksgefühle in unserem Universum insgesamt zu maximieren. Es muss dabei klar sein, dass sich dies auf das gesamte bewusste Leben bezieht und nicht nur auf das menschliche. Wir müssen hier also auch alle Tiere einschließen, die über ein gewisses Maß an Bewusstsein verfügen und alles das was uns an bewusstem Leben nachfolgt. Gegen diesen utilitaristischen Standpunkt gibt es allerdings auch einige ernstzunehmende Einwände, die in der philosophischen Literatur eingehend diskutiert werden, aber hier wegen des Umfangs nicht weiter dargelegt werden sollen.

Wenn die Bilanz aller Glücksgefühle im Universum möglichst positiv ausfallen würde, so hätte die Existenz des gesamten Universums einen subjektiven Sinn und zwar nicht für jemanden der außerhalb des Universums steht (was, wie oben dargestellt wurde, gar nicht möglich ist), sondern für seine Bewohner.

Nun sieht allerdings diese Bilanz bis zum heutigen Zeitpunkt nicht allzu positiv aus. Unsere Vergangenheit ist zu großen Teilen eine Aneinanderreihung von grausamen Kriegen,  Folter, Völkermord, Hungerkatastrophen usw. Dies hatte für eine Vielzahl von Menschen negative Folgen für die Bilanz ihrer subjektiven Glücksgefühle. Für die Vergangenheit kann man dies als Gesetzmäßigkeit der Evolution einstufen, die man in Kauf nehmen musste. Genauso wie Glücksgefühle für das Funktionieren der Evolution notwendig waren, so war auch alles Leid notwendiger Bestandteil der Evolution. Für die Gegenwart sollte man sich aber darauf nicht mehr berufen, denn die natürliche Evolution ist weitgehend an ihrem Ende angekommen. Aber selbst wenn das nicht zuträfe, so wären wir ab einer gewissen Stufe des Bewusstseins und der damit verbundenen Vernunft in der Lage, diese notwendigen Auseinandersetzungen ohne Gewalt zu bestreiten. Dazu schreibt Karl Popper9 (in „Das Ich und sein Gehirn“):

Natürliche Auslese und Selektionsdruck stellt man sich gewöhnlich als das Ergebnis eines recht gewaltsamen Kampfes ums Dasein vor. Aber das ändert sich mit der Emergenz des Bewusstseins, der Welt 3 und der Theorien. Wir können jetzt unsere Theorien den Kampf ausfechten lassen – wir können unsere Theorien sterben lassen, an unserer Stelle. Vom Standpunkt der natürlichen Auslese aus besteht die Hauptfunktion des Bewusstseins, der Welt 3 und der Theorien darin, dass sie die Anwendung der Methode vom Versuch und Irrtumsausschaltung ohne gewaltsame Beseitigung unserer selbst ermöglichen: Darin liegt der große Überlebenswert des Bewusstseins und der Welt 3. Mit der Emergenz  des Bewusstseins und der Welt 3 überwinden die natürliche Auslese und ihr ursprünglich gewaltsamer Charakter sich selbst. Mit der Emergenz von Welt 3 braucht die Auslese nicht mehr länger gewaltsam zu sein: Wir können falsche Theorien durch gewaltlose Kritik beseitigen. Gewaltlose kulturelle Evolution ist nicht nur ein utopischer Traum; sie ist vielmehr ein mögliches Ergebnis der Emergenz des Geistes durch die natürliche Auslese.

Immerhin sind kleine Fortschritte zu erkennen.  Die Existenz der Organisation der Vereinten Nationen und die Einrichtung eines internationalen Gerichtshofs lassen hoffen, dass sich längerfristig doch die Vernunft durchsetzt. In den meisten westlichen Ländern hat sich jedenfalls die Lebensqualität im Vergleich zu früheren Jahrhunderten erheblich verbessert. Allerdings ist gleichzeitig die Lebensqualität in vielen Entwicklungsländern gesunken. Dennoch ist dies kein unabwendbares Schicksal. Wir haben es selbst in der Hand, das Unglück in unserer Welt weiter zu reduzieren. Ganz entscheidend ist aber, dass unsere bisherige Geschichte nur einen winzigen Bruchteil dessen ausmacht, was vor uns liegt. Unsere Zivilisation hat, in kosmischen Maßstäben gerechnet, gerade erst begonnen, insofern wäre ein grundlegender Pessimismus aufgrund unserer Geschichte verfrüht. Aussagen, dass Leid und Elend zwangsläufig zu unserer Existenz gehören und grundsätzlich nicht beseitigt werden können, sind daher unbegründet.

Hier stellt sich nun die Frage, ob Religionen unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt mehr Glück oder mehr Leid auf unserem Planeten erzeugen. Zumindest die bisherige Bilanz sieht da ausgesprochen schlecht für die Religionen aus. Insbesondere das Christentum hat soviel Leid und Elend in unserer Geschichte verursacht, dass man hier von einer Heimsuchung unseres Planeten sprechen kann.

Zusammenfassung:

Ein letzter, höherer Sinn für unsere Existenz ist schon aus prinzipiellen Erwägungen heraus mit objektiven Methoden nicht feststellbar und mit an Sicherheit grenzender Wahrschein­lichkeit gibt es auch keinen. Was bleibt, ist ein zeitlich begrenzter Sinn, der aus pragmatischen Gründen darin liegt, die Glücksgefühle aller bewusst denkenden Wesen in unserer Welt zu maximieren, ohne dass das auf Kosten anderer geht. Ein aus Religionen abgeleiteter Sinn ist dagegen reines Wunschdenken von Irregeleiteten und hat mit der Realität nichts zu tun.

Quellen

[1] Fehige, C., Meggle, G., Wessels, U., Der Sinn des Lebens, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 4. Auflage März 2002

[2] Vilar, E., Die Schrecken des Paradieses: wie lebenswert wäre das ewige Leben? Alibri Verlag, März 2009

[3] Kant, I., Kritik der praktischen Vernunft, 1788, Ausgabe Felix Meiner Verlag, Hamburg 1990

[4] Kant, I., Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1797, Ausgabe Felix Meiner Verlag, Hamburg 1999

[5] Neill, S. Christian Faith To-Day, Verlag: Penguin Pelican (1. Januar 1955)

[6] Schopenhauer, A., Die Welt als Wille und Vorstellung, 1859, Ausgabe Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2. Auflage 2002

[7] Camus, A., Der Mythos des Sisyphos. 1942, Ausgabe Rowohlt, 5. Auflage März 2003

[8] http://www.darwin-jahr.de/evo-magazin/kein-wunder-dass-wir-existieren

[9] Popper,K.|R., Eccles, J.|C., Das Ich und sein Gehirn. 1977, Ausgabe Piper Verlag, München/Zürich, 8.Auflage 2002

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August 24, 2009 - Posted by | Eigene Artikel | , , ,

4 Kommentare »

  1. sgh vowinkel,
    ihr riesiger beitrag über den sinn des lebens, ist sehr gut gemacht , doch leider ist er so umfangreich , daß es keiner lesen wird . 10 bis 12 din a4 seiten liest niemand auf die schnelle. nicht daß ich wüßte wie man das komprimieren könnte , das maß ich mir nicht an.
    man kann ausgiebiges geistesgut , hoch komplexe gedanken nicht einfach schrumpfen , denn dann werden sie zu schwachsinn niedergestampft , eben wieder zur religion. dort wo man mit vorurteilen , ignoranz, intoleranz und dogmatismus herumhandtiert.
    wenn sie erlauben , hätte ich eine person hinzugefügt, den julian huxley. julian war mit abstand eines der feinsten denker im 20ten jh er hatte den humanismus ausgebaut. übrigens sein bruder aldous huxley schrieb “the brave new world” und der großvater von beiden war der berühmte thomas huxley , der die evolution vorantrieb , besser als es darwin konnte, denn er war eines der hellsten köpfe englands im 19ten jh.

    liebe grüße

    Kommentar von reinhard franz | Januar 4, 2011

  2. Das Problem des zyklischen Weltbildes wird u.A. in der SF-Serie “Battlestar Galctica” thematisiert. All das ist schon geschehen und wird wieder geschehen ;-)
    Tatsächlich ist die Frage nach dem Sinn des Lebens eine in sich sinnlose, wenn eine grundlegende Kenntnis vom Ablauf des universellen Ganzen fehlt. Es handelt sich um reine Spekulation. Die Natur in ihrer ganzen Bandbreite kümmert sich nicht um ein fragestellendes Bewußtsein. Es ist eine praktisch unendliche Anzahl von mehr oder minder ineinander verwobenen Systemen, deren Zweck zuerst einmal der Selbstzweck zu sein scheint. Es ist vielleicht ein evolutionäres Experiment, daß etwas in die Welt treten kann, das imstande ist, eine womöglich unbeantwortbare Frage zu stellen – und damit Zeit zu verschwenden. Doch Zeit ist (mit Energie) in der Welt in solchen Mengen vorhanden, daß es gar keine Verschwendung gibt.
    Weiter zurücktretend betrachten wir die Regelwerke der Physik, die wir nach und nach begreifen, die aber – ohne jeglichen offensichtlichen Zweck – für sich selbst stehen. Die Welt, wie sie ist, wendet sich vom Erkenntnissuchenden nicht einmal ab, sie nimmt ihn nicht einmal zur Kenntnis.
    Somit bleibt dem Mensch, dem mangels Einblick in die universalen Vorgänge die Sinnfrage nicht beantwortet wird, nur, eine persönliche, für sich selbst gültige Antwort zu finden. Dabei ist unter dem Aspekt des ignoranten Universums grundsätzlich jede Antwort genauso richtig wie falsch, denn der ungeheuerliche Raum um uns alle herum kümmert sich nicht im geringsten und gibt keine eigene korrigierende Meinung ab. Und spätestens mit dem Ableben des fragenden Geistes ist die Sinnfrage für diesen geklärt.
    Es mag ein interessantes Gedankenspiel sein, und sehr viel Spaß macht daran die Erwähnung der allerleistungsfähigsten Gedankengrößen; was schlußendlich zu Tage tritt, ist, daß diese auch nach 900 Seiten des genialsten Schriftsatzes der finalen Erkenntnis um keinen Schritt näher gekommen sind, als jene, die während ihrer gesamten Lebenspanne diese Frage niemals gestellt haben.

    Kommentar von trondheim | Mai 30, 2011

  3. Was ist “Sinn” überhaupt? Im Alltag versteht man unter “Sinn” Zweck. Als “höheren Sinn” betrachtet man den “höheren Zweck”. Immer in Form von “Nutzen”. Wir Menschen sind soziale Wesen und damit wir sozial sein können, müssen wir nützlich sein. Also innerhalb einer Gemeinschaft einen Zweck erfüllen. Unser ganzes Leben ist auf Nutzen ausgerichtet. Deshalb kommen wir uns unnütz vor, wenn man uns nicht braucht. Weil wir immer Kosten/Nutzenrechnungen anstellen fragen wir uns auch, warum wir leiden, warum wir schlecht behandelt werden, usw. Wir suchen für alles einen Grund und eine tiefere Ursache. Einen Sinn. Wenn uns ein Tier beisst genügt es uns nicht zu wissen, dass dieses Tier nicht speziell uns (also dich, oder mich) gemeint hat, sondern einfach seinen Instinkten folgt. Wenn wir krank werden fragen wir uns, warum gerade ich? Weil wir so konstruiert sind, fragen wir uns welchen Zweck wir erfüllen sollen – wenn wir an einen Schöpfergott glauben. Selbstzweck gefällt uns nicht. Glauben wir an keinen Gott, halten wir unser Leben und das Leben an sich für sinnlos – also faktisch für nutzlos. Deshalb haben frühere Generationen geglaubt, die Götter hätten die Menschen erschaffen, weil sie Diener gebraucht haben, oder weil sie jemanden brauchten der sie anbetet. Und in der Natur ist es auch tatsächlich so, dass alles einen bestimmten Zweck erfüllt und somit sinnvoll ist. Die Evolution (was immer das sein mag, denn es könnte ja auch sein, dass sie vorbestimmt ist) ist immer zweckmäßig. Anpassung ist zweckmäßig. Man könnte auch sagen die Natur denkt praktisch. Genau genommen sind wir alle die Natur und somit sind wir alle praktisch veranlagt. Jedes Lebewesen erfüllt einen Zweck und damit hat seine Existenz einen Sinn. Auch wenn es nur anderen als Nahrung dient. Das ist das Prinzip des Ourouboros. Er frisst sich selbst – und erhält sich so selbst. Das Perpetuum mobile. Es wäre eigentlich absurd anzunehmen, das Große, Ganze würde weniger zweckmäßig sein. Wenn wir auch in unserem momentanen, geistigen Zustand keinen Sinn erkennen können, so bedeutet das nicht, dass keiner da ist. Es wird einer da sein, alles andere wäre unlogisch. Schon alleine weil es eine Ursache geben muss für die Existenz an sich.

    Kommentar von Susanne | Juni 15, 2012

  4. ” Die Arbeit hat den Menschen erst zum Menschen gemacht”. Diese Erkenntnis von Friedrich Engels vor etwa 150 Jahren ist m.E eine wesentliche und grundsätzliche Aussage, auf dessen Fundament viele weitere Fragen des Menschseins zu beantworten sind. Erst mit seinem Bildungsgrad, seinem Wissen und praktischen Fähigkeiten ist der Mensch in der Lage sich selbst im Strom der Zeit einzuordnen. Dazu muss er nicht unbedingt den Ansprüchen eines Philosophen, Historikers,Wissenschaftlers oder eines Anthropologen gerecht werden.
    “Jeder nach seinen Fähigkeiten und jeder nach seinen Leistungen”. Auch eine durchaus akzeptable These, über deren Wahrheitsgehalt es sich lohnt nachzudenken.
    Das setzt jedoch faire, gesellschaftliche Rahmenbedingungen voraus, die den Menschen mit seinen Grundbedürfnissen nach materieller, geistiger, sozialer, kultureller und persönlicher Teilhabe an der Entwicklung ermöglicht. Arbeitsleistungen, die gerecht entlohnt werden, Verhältnisse die die Würde jedes Einzelnen achtet,respektiert und anerkennt.
    Wenn diese Prämissen als Überbau Bestand haben, ist die obige Frage fast gegenstandslos.
    Niemand brauchte einen gedachten, übergeordneten ” Herrn” oder “Gott”, der die persönliche Notlage lindert,der Hilfe und Sicherheit gibt, sich meiner annimmt und mich auf ewig in sein Himmelreich befördert.

    Für mich als “wissenschaftsgläubiger Humanist” bedeutet dies im Umkehrschluss jedoch kein Ausschlussverfahren gegenüber aller anderen Problemlagen im Lebensprozess.

    Zweifel, Niederlagen,Gesundheit, Krankheit, Erfolg und Misserfolg wechseln sich einander ab. Den Negativmomenten entgegenzusteuern und dem Leben Positives abzuringen, bleibt eine der größten Herausforderungen.
    Eine Rezept für das Gelingen auf allen Lebenswegen vermag ich jedoch keinem Mitmenschen zu verordnen. Ethische Normen des Zusammenlebens können zwar vorgelebt werden und Inhalt guter Gespräche sein. Indoktrination von Denk- und Verhaltensmustern sind dennoch tabu.
    Diese Absolutheitsansprüche,Erwartungen und Verheißungen sind unter anderem nur im christlich – religiösen Wunschdenken zu finden.
    Fernab jedes Anspruchs an Objektivität und der individuellen Selbstbestimmung.

    Eine autonome,verantwortungsvolle Lebensentfaltung, eine Sinnsuche und Sinnsetzung, die nicht nur und ausschließlich auf den Selbstzweck abzielt, sind als “Goldene Regeln” für die Menschen unabdingbar und wertvoll, die sich einer säkularen Ethik verpflichtet wissen.
    Die Gewissheit, dass mein Leben zeitlich begrenzt ist, bestärkt das Handeln im Hier und Heute, das mir Mögliche und Machbare zu tun, Gutes und Nützliches auch für die nachfolgenden Generationen zu bewirken.
    Dazu muss ich niemandem gefallen, mich schwach,schuldig und untertänig geben, zu Mund reden, auf Gnade oder auf Belohnung im Jenseits hoffen.

    Kommentar von Uwe Kalkbrenner | Januar 2, 2014


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